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Neues vom JSPS Club 01/2016

 

EDITORIAL

vom Vorstandsvorsitzenden Prof. Dr. Heinrich Menkhaus

Japan verfügt über ein Generelles Gesetz über Wissenschaft und Technology (Gesetz Nr. 130/1995), dessen englischsprachige Übersetzung auf der Homepage des japanischen Kabinettamts unter der Adresse www8.cao.go.jp/cstp/english/law/law.html verfügbar ist. Nach Art. 9 Abs. 1 dieses Gesetzes erstellt die japanische Regierung für jeweils fünf Jahre einen Basisplan für Wissenschaft und Technologie. Der 5. Basisplan für die Jahre 2016 bis 2020 ist mit Beschluss des Kabinetts vom 28.01.2016 verabschiedet worden. Auch dieser findet sich auf der Hompage des japanischen Kabinettsamtes unter der Adresse www8.cao.go.jp/cstp/kihonkeikaku/index5.html, ist aber, soweit ersichtlich, noch nicht in einer Fremdsprache verfügbar. Ein vorab veröffentlichter Bericht über diesen Basisplan ist teilweise auf Englisch verfügbar.

Da dieser Bericht die Schwerpunkte der künftigen Forschung und Entwicklung in Japan offenbart und damit die Richtung für die eigenen Forschungsaktivitäten der staatlichen Einrichtungen ebenso festlegt wie die Förderung der Forschung bei anderen Trägern, ist die Lektüre für Wissenschaftler aus anderen Ländern aus verschiedenen Gründen interessant: Läßt sich mit dem eigenen Forschungsinteresse eine Tätigkeit in Japan finden, passt das eigene Forschungsprojekt in das dargelegte Spektrum und ist deshalb möglicherweise förderungswürdig, welche grenzüberschreitenden gemeinsamen Forschungsprojekte lassen sich entwickeln usw. Da die Deutsche Gesellschaft der JSPS Stipendiaten unter ihren Mitgliedern eine große Anzahl wissenschaftlicher Disziplinen abdeckt, kann eine allen gerecht werdende Erläuterung des Basisplans an dieser Stelle nicht erfolgen und eine auswählende Darstellungen einiger Punkte wäre ebenfalls verfehlt. Es sei deshalb auf das Studium des genannten Basisplans verwiesen.

 

Shinnenkai in Wien

von Vorstandsmitglied Prof. Dr. Eberhard Widmann

Teilnehmer am shinnenkai im Stiegenhaus des SMI

Laborbesichtigung

Am 12. Februar 2016 wurde erstmals ein shinnenkai (Neujahrsfeier) des JSPS-Clubs in Wien veranstaltet. Ein weiteres Novum bestand darin, dass es sich um eine gemeinsame Veranstaltung mit der UNVJ, Vereinigung japanischer Mitarbeiter bei den Organisationen der Vereinten Nationen in Wien, handelte. In der vor ca. 5 Jahren gegründeten UNVJ sind Mitarbeiter von zehn internationalen Organisationen (darunter die IAEA, UNHCR, UNIDO sowie die Comprehensive Nuclear Test Ban Treaty Organization), der Japanischen Botschaft in Österreich und der Permanenten Vertretung Japans bei den Vereinten Nationen in Wien organisiert.

Das erste shinnenkai des JSPS-Clubs in Österreich war gleichzeitig die 14. Veranstaltung der UNVJ. Als Veranstaltungsort wurde das Institut des Landesbeauftragten des JSPS-Clubs für Österreich, Prof. Eberhard Widmann, gewählt. Das Stefan-Meyer-Institut für subatomare Physik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ist Nachfolger des 1910 gegründeten Instituts für Radiumforschung und das Gebäude im 9. Bezirk in Wien wurde im Mai 2015 von der European Physical Society mit dem Titel „EPS Historic Site“ ausgezeichnet. Daran anknüpfend war der Höhepunkt des Abends ein Vortrag von Prof. Walter Kutschera, emeritierter Leiter des ebenfalls aus dem Radiuminstitut hervorgegangenen Instituts für Isotopenforschung und Kernphysik der Universität Wien, mit dem Titel „From Radium to Antihydrogen – A brief history of the Institute for Radium Research“. In seinem mitreißenden Vortrag spannte er den Bogen von den Anfängen der Kernphysik und den zentralen Personen in Wien (darunter der erste Direktor des Radiuminstitutes, Stefan Meyer) bis zu den heutigen Aktivitäten von E. Widmann, der Untersuchung der Materie-Antimateriesymmetrie mit Antiwasserstoff am CERN in Genf.

Networking

Eingerahmt wurde der Abend mit Besuchen in den Labors des SMI und des im selben Haus untergebrachten Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) der ÖAW und Grußworten des UNVJ-Vorsitzenden Yamada Katsumi (IAEA) und von Prof. Kodaira Keiichi, dem Direktor des JSPS Office Bonn. Der Club wurde von Vorstandsmitglied Dr. Matthias Hofmann vorgestellt, und nach dem offiziellen Teil gab es ausreichend Gelegenheit zu einem gemütlichen Beisammensein, bei dem sich die versammelten UNVJ und JSPS-Club Mitglieder sowie Mitarbeiter und Studenten des Stefan-Meyer-Instituts austauschen konnten. Das SMI arbeitet in vielen Projekten mit japanischen Partnern zusammen, so dass auch Diplomanden und Dissertanten früh mit japanischen Wissenschaftlern in Kontakt kommen und die Chance haben, zu Kollaborationstreffen oder Konferenzen nach Japan zu reisen.

 

Wissenschaftliche Veranstaltungen in Tōkyō im Zeitraum Dezember 2015 – März 2016

von Club-Mitglied Prof. Dr. Wilfried Wunderlich


Europäischer Forscher Tag (European Researchers Day ERD – 13.12.2015) in Tōkyō

In dem Gebäude der Ständigen Vertretung der Europäischen Union in Tōkyō fand am 13. Dezember 2015 der ERD-Tag statt. Ähnlich wie der Science-Slam bietet dieses Forum von Euraxess Links Japan Gelegenheit, über Forschungsergebnisse zu berichten. Doch bat der Organisator Mathias Py diesmal ausdrücklich darum, auch das wissenschaftliche Umfeld, das Wie und Warum zu erläutern. Unter den etwa 70 Teilnehmern waren unsere Mitglieder Maurizio Gullo, Olaf Karthaus, Louisa Reissig, Helmut Wenisch, Wilfried Wunderlich (mit einem Posterbeitrag) und später Heinrich Menkhaus vertreten.

Cezar Constantinescu aus Österreich, der wie seine Vorgänger mit einen 2-Jahres-Vertrag an der Sophia University arbeitet, trug über Globalisierung und den Wandel der japanischen Denkweise vor. Im Vordergrund links Clubmitglied Maurizio Gullo, der bei der Veranstaltung assistierte.

Ausgewählte EU-Wissenschaftler, die aus vielen japanischen Landesteilen angereist waren, präsentierten ihre Forschung an japanischen Einrichtungen. Während auffallend wenig britische und deutsche Wissenschaftler vortrugen, war der Anteil der französischen und slawischen Redner umso höher. Das inhaltliche Spektrum reichte von Elektronik-Engineering, wie Robotern, über die Elementarteilchen-Physik, Biologie, Nahrungsmittel mit der Geschmacksrichtung „Umami” und Umwelt bis hin zu Geschichte und Sozialwissenschaften. Die inhaltlichen Highlights nach Auffassung des Verfassers waren, dass der Klimawandel zwar den grünen Bereich schon verlassen habe, das Erdklima aber noch durch politische Anstrengungen zu retten wäre, während im Bereich der genetischen Vielfalt und bei der Verwendung von bio-chemischen Düngemitteln wie Phosphate und Nitrate schon der rote Bereich eines möglicherweise irreparablen Umweltrisikos erreicht ist. Dazwischen gab es Berichte von japanischen Organisationen, wie zum Beispiel über die Möglichkeiten des Job-Portals JREC-IN, welches die Stellensuche im akademischen Bereich erleichtern soll. Viele Teilnehmer berichteten, dass sie ihre jetzige Stelle über dieses oder die Euraxess-Online-Informationen gefunden hatten.

Jeder Teilnehmer war aufgefordert außer dem Fachlichen auch menschliche Erfahrungen mitzuteilen. Auch hier war das Spektrum breit. Während die meisten gute Englisch-Kenntnisse für die notwendige Kommunikation zur Globalisierung Japans einforderten, beklagten einige die schlechte Work-Life-Balance, und „dass man seine Rechte einfordern muss”. Ein Forscher gab den praxisnahen Tipp, „auf der ersten Seite des Kakenhi-Antrages für die Beantragung von japanischen Forschungsgeldern gleich als erstes ein leicht verständliches Schaubild seines Forschungsziels zu präsentieren, da die Gutachter nur wenig Zeit für jeden Antrag haben“. „Als Ausländer muss man die Erfahrungen selber sammeln, da der Arbeitsgruppenleiter meist keine Erklärungen gibt”, sagte ein Teilnehmer, denn so kann leicht der Eindruck der Diskriminierung entstehen. Das Dilemma besteht darin, dass japanische Forschungs-Manager versuchen, alle Antragsteller gleich zu behandeln, während sich ausländische Wissenschaftler bezüglich der natürlicherweise vorhandenen Defizite in der japanischen Sprache, dem Arbeitstempo und den Gepflogenheiten im japanischen Wissenschaftsalltag eine gerechtere Behandlung wünschen würden.

Demgegenüber vertrat Herr Yamaguchi von der JSPS die Ansicht, dass sich in den letzten Jahren viel gebessert habe, insbesondere lobte er ausdrücklich die Wirkung des JSPS-Alumni Clubs und des persönlichen Engagement von Herrn Menkhaus. JSPS hatte im November das auf Japanisch und Englisch erschienene Ethik-Handbuch »Green book – For the Sound development of Science« herausgegeben mit dem Ziel, die Praxis der wissenschaftlichen Arbeit zu verbessern, und Fälle wie bei der „Stap-Saibo“ Datenfälschung zu verhindern. Bei wissenschaftlichen Artikeln sollen nur Autoren angegeben werden, die wesentlich zu der Arbeit beigetragen haben, Forschungsgelder bereitzustellen reicht dafür nicht aus. Dagegen hat jeder Wissenschaftler eine Bringschuld der Gesellschaft gegenüber, die ihn finanzie


DIJ-Forum zu „Atom-Ausstieg Deutschland und Japan“ 13.12.2015

Mit 70 Teilnehmern fand das DIJ-Forum im vollbesetzten Hörsaal des Deutschen Instituts für Japanstudien statt. Prof. em. Joachim Radkau, Technik- und Umweltgeschichte an der Universität Bielefeld, ein hervorragender Kenner der deutschen Atomenergiegeschichte, beklagte, dass trotz beschlossener Energiewende in Deutschland weiterhin etwa 20 Kernkraftwerke am Netz seien. Die Situation in Japan ist genau umgekehrt: Die Betreiber wollen die nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima abgeschalteten AKWs wieder ans Netz bringen, doch die lokale Bevölkerung verweigere die Zustimmung, so lautete die These von Prof. Hitoshi Yoshioka, Graduate School of Integrated Sciences for Global Society der Kyūshū Universität. Er forscht zur Wissenschafts- und Technologiegeschichte und ist ein ausgewiesener Experte der Geschichte der Kernenergienutzung in Japan. Im Asahi-Shinbun Verlag erschien 2011 die Neuauflage seines japanischen Buches „Sozialgeschichte der Kernkraft – der japanische Weg“. Während die Physiker weiterhin betonen, dass durch den Weiterbetrieb von AKWs der CO2-Ausstoß merklich gesenkt werden kann, zeige Fukushima, dass eine gefährliche Technologie wegen des Restrisikos nicht durchgesetzt werden könne: Schutz der Menschen geht vor Wirtschaftlichkeit.


DIJ-Forum zu „Human-Resource Management“ 18.02.2016

Martin Hemmert, Korea University und Hitoshi Yamanishi, Nomura Group, zeigten Gemeinsamkeiten in der Strategie von koreanischen und japanischen Unternehmen auf: Schnell eine Marktnische aufspüren und Produkte dafür zu entwickeln. Doch gibt es auch Unterschiede: Korea hat noch viele Familien-Unternehmen und setzt auf Leadership des Führers, während Japan durch den Zwang zu Gruppenentscheidungen auf die Herausforderungen globaler Märkte schwerfälliger reagiert.


Wissenschaftlicher Gesprächskreis am 02.03.2016 in Tōkyō

Das Thema des WGK-Vortrags von Clubmitglied Prof. Dr. Rainer Knauf, TH Ilmenau, lautete: „Eine fallbasierte Optimierungstechnik zur effizienten Lösung des Handelsreisenden-Problems“. Prof. Knauf ist derzeit Gast an der Tōkyō Denki University. Das Thema betrifft ein Problem der theoretischen Informatik, nämlich die Suche nach einem schnellen Algorithmus für eine optimale Wegstrecke unter verschiedenen Randbedingungen. Der Handelsreisenden steht dabei natürlich nur symbolisch für jeden „Handlungs“-Reisenden, ein Versprecher, der Herrn Prof. Menkhaus bei der Einführung herausgerutscht war: Es kann sich ebenso um einen Politiker auf Wahlkampfreise, einen Staubsauger-Vertreter, einen Wanderprediger, einen Wissenschaftler oder wie die Japan üblichen Maler, Handwerker oder Immobilienmakler handeln. Vordergründig geht es um die Senkung von Reisekosten und die Berechnung der reinen Fahrzeit oder den kürzesten Verbindungen zwischen verschiedenen Orten; dabei können Unzulänglichkeiten oder Hindernisse auf der Wegstrecke einberechnet werden. Doch warum das seit 1930 bekannte Thema derzeit so aktuell ist, wurde bald klar: auf solchen Algorithmen basieren die Suchprogramme in modernen Datenbanken wie Google. Wie der Zufall es wollte, wurde gerade in der Woche vor dem Vortrag ein berühmter Go-Spieler von einen Computerprogramm besiegt, das ebenso wie der menschliche Spieler Tausende von Spielen abgespeichert hatte, durch Algorithmen die aktuelle Spielsituation jedoch schneller und zum Vorteil des Computers analysieren konnte. Nach dem Sieg eines Schachcomputers über einen Menschen im Jahr 1974 wurde nun ein weiterer Meilenstein der künstlichen Intelligenz erreicht, denn Go gilt gemeinhin als anspruchsvoller und variantenreicher als Schach.

Der Gegenstand stellte hohe Anforderungen an die Aufmerksamkeit der etwa ein Dutzend Zuhörer. Erst aufgrund der eifrigen Nachfrage von drei sehr interessierten Informatik-StudentInnen, welches denn nun genau die Unterschiede seiner etwa zehn neuen Algorithmen seien, erläuterte Prof. Knauf den Grundgedanken der künstlichen Intelligenz (KI) folgendermaßen: Wenn ein Mensch ein ihm unbekanntes Zimmer betritt, tastet er sich langsam von der Tür aus vor und kann so die wichtigen Dinge im Zimmer erkennen. Die Computerprogramme hingegen „scannen“ den Raum systematisch etwa alle 10cm ab, und können so schneller wichtige Dinge auch in der hintersten Ecke erkennen. Dies geschieht nicht nur in den drei Dimensionen, die wir Menschen kennen, sondern in hunderten Dimensionen.

Das Teilgebiet „KDD Knowledge discovery in databases“ (Wissens-Erkennen in Datenbanken) ist bisher noch neu und weitgehend unbekannt. Nicht nur dort dürften die Forschungen von Prof. Knauf zu neuen Erfolgen verhelfen, sondern vor allem bei der Entwicklung von sensiblen Robotern und anderen KI-Bereichen der System-Ingenieur-Wissenschaften ergeben sich hier vielversprechende Ansätze.

 

Bridge Fellowship an der Kyōto University

von Clubmitglied Prof. Dr. Lothar Wigger, TU Dortmund

Nach einem zweimonatigen Forschungsaufenthalt an der Universität Kyōto im Jahr 2011 war es nun im Herbst 2015 der zweite von JSPS unterstützte Aufenthalt in Japan. Es war eine arbeitsintensive und zugleich erfolgreiche Reise mit informativen Tagungen und Workshops, zahlreichen anregenden Diskussionen und Gesprächen, eindrucksvollen Besichtigungen von Gedenkstätten und Museen und vielen neuen Erfahrungen und neuen persönlichen Kontakten.

Neben der Teilnahme an den verschiedenen Jubiläumsveranstaltungen anlässlich des 20-jährigen Bestehens des JSPS-Clubs (vgl. die Berichte in: Neues vom Club, Nr. 04/2015) konnte ich auch noch an der Eröffnungsveranstaltung der 13. Tagung der Deutsch-Japanischen Gesellschaft für Sozialwissenschaften (GJSSS) „Trust and Risks in Changing Societies“ in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Japanstudien in Tōkyō und an der zweitägigen Jahreskonferenz der „Society of the History of the Educational Thought“ an der Keiō University Tōkyō teilnehmen. In dem dort stattfindenden Symposium zum Thema „Bildung und Biographie“, organisiert von Prof. Dr. Torimitsu Mioko (Chūō University), habe ich neben den Vorträgen von Prof. Dr. Fujii Kayo (Yokohama National University) und Prof. Dr. Nobira Shinji (Aichi University) zum Thema „Lebensgeschichte als Bildungsprozess“ referiert und über die neueren erziehungswissenschaftlichen Diskurse, qualitativen Forschungsmethoden und bildungstheoretischen Weiterentwicklungen in Deutschland berichtet. Diese Fragen, also wie Bildungsprozesse angemessen theoretisch konzeptualisiert, biographieanalytisch identifiziert und analysiert sowie pädagogisch bewertet und gefördert werden können, waren auch Gegenstand eines sehr produktiven eintägigen Workshops an der Yokohama National University, wieder mit Prof. Fujii, Prof. Torimitsu und Prof. Nobira, sowie eines interessanten Seminars mit Studierenden der Erziehungswissenschaft an der Ōsaka University, organisiert von Prof. Dr. Okabe Mika und moderiert von Prof. Dr. Mishima Kenichi. Neben den konstruktiven und für alle Seiten weiterführenden Fachdiskursen mit den Kolleginnen und Kollegen konnte ich auch viele beratende Gespräche mit Studierenden und Promovenden führen und dabei Einblicke in die thematischen Schwerpunkte, Ansichten und Interessen junger japanischer Forscherinnen und Forscher gewinnen.

Forschungskolloquium von Prof. Dr. Suzuki Shoko (Prodekanin) und Prof. Dr. Yamana Jun an der Kyōto University. Auf dem Foto sind u.a. Hr. Yamana (hintere Reihe, 5. von links), Fr. Suzuki (hintere Reihe, 6. von links) und der Verfasser (hintere Reihe, 7. von links)

In Kyōto habe ich drei unterschiedliche Vorträge zu grundlagentheoretischen Fragen der Erziehungswissenschaft im Kontext von drei Forschungsgruppen gehalten, zum Verhältnis von „Zeit und Bildung“ im Rahmen des Forschungskolloquiums „Raum, Zeit und Bildung“, organisiert von Prof. Dr. Suzuki Shoko und Prof. Dr. Yamana Jun (beide Kyōto University) sowie zum Verhältnis von „Katastrophe und Pädagogik“ im Rahmen des Workshops „Katastrophe, Erinnerung, Bildung“ und zum Thema „Die Dinge der Welt und die Sachen der Bildung“ im Rahmen des Workshops „Dinge und Bildung“, beide organisiert von Prof. Dr. Yamana Jun. Alle Vorträge waren verbunden mit langen und intensiven Diskussionen, die Problemzusammenhänge differenzierten und klärten und neue Forschungsperspektiven eröffneten. Zugleich ermöglichten diese Diskussionen und die anschließenden Gespräche neue Begegnungen und wissenschaftliche Kontakte.

Die Vorträge in Kyōto standen im Zeichen der Fortführung und Intensivierung der mehr als zehnjährigen Forschungskooperation der Allgemeinen Erziehungswissenschaft der Kyōto University und der TU Dortmund, die nun Ausgangspunkt und Grundlage für einen Kooperationsvertrag zwischen der Graduate School and Faculty of Education der Kyōto University und der Fakultät Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie der TU Dortmund ist. Den Kooperationsvertrag konnte ich während meines Aufenthaltes vorbereiten, im April 2016 wird er nun von den Dekanen unterzeichnet werden. Damit ist der Rahmen geschaffen, um die Forschungskooperation und den wissenschaftlichen Austausch zwischen den beiden Fakultäten über die bisherigen Schwerpunkte in Bildungsphilosophie, qualitativer und historischer Bildungsforschung hinaus auf andere erziehungswissenschaftliche Teildisziplinen und Forschungsfelder sowie auf Soziologie und Psychologie auszuweiten. Mit diesem Kooperationsvertrag ist die Fakultät Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie die dritte Fakultät der TU Dortmund, nach der für Fakultät für Chemie und der Fakultät für Bio- und Chemieingenieurwesen, die ihre Kooperationen mit der Kyōto University auf vertragliche Vereinbarungen gründet.

Eindrucksvoll, informativ und lehrreich waren auch die Besichtigungen von Museen, historischen Orten und Gedenkstätten. Neben den Besuchen und Führungen durch das „National Museum of Japanese History“ und das „Kawamura Memorial DIC Museum of Art“ in Sakura und das „Nezu Museum“ in Tōkyō im Rahmen der Jubiläumsveranstaltungen des JSPS-Clubs war ich gemeinsam mit Prof. Yamana in der Ausstellung „Hiroshima Trilogy: 70th Anniversary of the Atomic Bombing, Part I: „Life = Work“ im Hiroshima City Museum of Contemporary Art in Hiroshima und später im Friedenspark, dem Atombombenmuseum und der „National Peace Memorial Hall for the Atomic Bomb Victims“ in Nagasaki. Gemeinsam mit Prof. Dr. Suzuki Atsushi (Ōita University) habe ich dann auch noch in Chiran das „Tokko Heiwa Kaikan“, das Friedensmuseum zum Gedenken an die Kamikaze-Flieger, besucht. Die ausgestellten persönlichen Dokumente und historischen Exponate sind sehr beeindruckend und bedenkenswert wie auch die Zeichnungen der Überlebenden der Atombombenabwürfe und die künstlerischen Versuche der Thematisierung und Verarbeitung dieser weltgeschichtlich einschneidenden Ereignisse. Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht stellen sich dann Fragen nach den (angemessenen) Konzepten der schulischen wie musealen Präsentation und auch die nach den Rezeptionsweisen und den differenten Wirkungen bei den Rezipienten.

Diese Besuche stehen im Zusammenhang der langjährigen Forschungszusammenarbeit mit Prof. Yamana zum Thema „Erinnerungskultur und Gedenkstättenpädagogik“, die in den letzten Jahren erweitert worden ist mit dem Thema „Katastrophen und Pädagogik“. Besuche des „Former Glover House“ in Nagasaki und des „Shūseikan pioneering factory complex“ in Kagoshima, beide seit 2015 UNESCO-Weltkulturerbe als Teile der „Sites of Japan’s Meiji Industrial Revolution: Iron and Steel, Shipbuilding and Coal Mining”, haben dem Thema „Erinnerungskultur und Gedenkstättenpädagogik“ dann neue industriekulturelle Aspekte hinzugefügt und mir viele neue Einblicke in die Geschichte der japanischen Industrialisierung und Modernisierung verschafft.

Nagasaki, Chiran und Kagoshima waren Stationen einer privaten Reise mit meiner Frau in einem Mietauto durch Kyūshu im Anschluss an die 45 Tage des JSPS-Bridge-Fellowships. Durch den Ausbruch des Vulkans Aso kurz nach meiner Ankunft in Japan und die Sperrung des Gebiets um den Vulkan war die vorgesehene Wanderung im Aso-Gebirge leider nicht möglich. Aber das war nur ein kleiner Wermutstropfen eines insgesamt schönen, ereignis- und erfahrungsreichen Aufenthaltes in Japan, der gewiss nicht der letzte war.

Mein Dank gilt JSPS für die Möglichkeit der gemeinsamen Forschung und der Fortsetzung, Intensivierung und Ausweitung des wissenschaftlichen Austausches, mein Dank gilt selbstverständlich der Kyōto University und insbesondere meinem Gastgeber Prof. Yamana. Die mir entgegengebrachte Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Kolleginnen und Kollegen wie auch der vielen mir namentlich nicht bekannten Japanerinnen und Japanern, denen ich begegnet bin, ist die vielleicht wichtigste Erfahrung meines Aufenthaltes.

 

Deutsche Forscher in Japan betreuten deutsche Studierende

Sicht des Betreuten (Dipl. Phys. Dominik Krengel)

„Du interessierst dich doch für Japan, oder? Ich kenne da jemanden in Tōkyō, schreib dem mal eine E-Mail”. Den Worten meines Diplomarbeitsbetreuers folgend und einen kurzen E-Mailwechsel mit Professor Matuttis später saß ich im März 2012 mit einem Kurzzeitstipendium ausgestattet im Flieger nach Tōkyō, nicht ahnend was dies für meine Zukunft bedeuten würde. Während meines einmonatigen Aufenthalts lernte ich Professor Matuttis persönlich kennen und schätzen. Gegen Ende meines kurzen Aufenthalts kam die Frage nach meinem weiteren Werdegang und eventuellem Interesse an einer Promotion auf und resultierte in Professor Matuttis' Kommentar: „Ja, dann bleib doch einfach gleich da”.

Schon vor fast zehn Jahren hatte ich Bekanntschaften hier in Japan aufgebaut, in Gumma und Yamagata, bei sportlichen Austauschbegegnungen. Ich besuche meine Bekannten aus dieser Zeit auch heute noch, wobei mein Betreuer dazu meint: „Respekt, Respekt, mit dem Nahverkehr so weit auf’s Land trau’ ich mich auch nach 16 Jahren Japan kaum”.

Letztendlich sollte sich mein Promotionsbeginn noch um knapp eineinhalb Jahre verzögern, da ich zunächst mein Diplom abschließen musste und anschließend eine etwas langwierige Bewerbung um ein Stipendium mit mehreren unerwarteten Hindernissen anstand. Doch unter Professor Matuttis’ Anleitung wurden auch diese Hindernisse genommen, und so zog ich im Oktober 2013 wieder gen Osten. Das erste Jahr verbrachte ich noch als Forschungsstudent, um mich mit den Höhen und Tiefen des japanischen Unilebens vertraut zu machen sowie mich in die Grundlagen meines Themas einzuarbeiten. Insbesondere die Unterschiede in der Arbeitshaltung japanischer Studenten – stärkerer Fokus auf Auswendiglernen anstelle von Verständnis, sowie die starke Verschulung des Studiums (außerhalb der Forschung) – waren und sind immer noch gewöhnungsbedürftig. Der universitäre Sprachkurs wandte sich eher an Bachelor und Masterstudenten (von denen die Meisten sowieso Chinesen sind) und benötigte leider schlicht zu viel Zeit, um von Doktoranden effektiv wahrgenommen zu werden. 2014 dann trat ich als Monbukagakushō-Stipendiat (Kultusministerium) meine Promotion an. Das Forschungsthema ist leicht erklärt: Im Gymnasium rechnet man aus, wie groß die Reibungskraft für einen Block auf der schiefen Ebene ist. Aber bis heute gibt es kein mathematisch und physikalisch gültiges Verfahren, für viele Teilchen gleichzeitig solche Reibungskräfte in beliebigen Konfigurationen (etwa in einem Sandhaufen) zu berechnen, wenn die Kontakte in irgendwelche Richtungen gehen. Das ist das Hauptthema der Dissertation, und soll dann in eine Computersimulation für beliebig geformte Teilchen münden. Das Thema ist von großer Relevanz für geophysikalische Systeme, beispielsweise Erdrutsche und Steinschläge oder Bodenverflüssigung bei Erdbeben. Diese Anwendungen sind gerade in einem, gelinde gesagt, geologisch aktivem Land wie Japan von Bedeutung und werden neue Möglichkeiten für relevante Forschung eröffnen. Der Anfang, die Ausarbeitung der Theorie in zwei Dimensionen, ist gemacht, und bei meinem Vortrag bei der Jahrestagung der japanischen physikalischen Gesellschaft im März 2016 in Sendai kamen auch keine Einwände.

Außerhalb des Studiums setzte ich zunächst mein bereits vor langer Zeit in Deutschland begonnenes Kendō-Training fort, inklusive gelegentlicher Abstecher ins naheliegende Naginata-dō (am treffendsten vielleicht als ,,Helebarden-Fechten’’ übersetzt). Mein Chef hat mich zum Training durchaus ermuntert: „So soll’s sein: Japan in voller Breite, Moderne und Tradition, Wissenschaft und Kultur. Und außerdem schläft man nicht gut, wenn der Kopf müde ist und der Körper nicht. Und dann leidet auch die Wissenschaft.“ Später dann sollten Erkundungen Japans folgen. Die üblichen Touristenlokationen wie Kyōto oder Hiroshima, sowie inzwischen auch weiter von den ausgetretenen Pfaden entfernt, wie etwa Kōfu oder Odawara. Inzwischen zieht es mich häufig in die japanischen Berge, sowohl in Tōkyōter Umgebung, als auch tiefer im Japanischen Hinterland.


Sicht des Betreuers (Associate Professor Dr. rer. nat. Hans-Georg Matuttis)

Im Herbst 2013 kam Dominik Krengel an mein Labor: Nach einem Kurzzeit-Austauschstudenten von unserer Partneruniversität Bremen mein erster “richtiger” Doktorand aus Deutschland, und insgesamt mein dritter Monbushō-Stipendiat. Dominik ist der „letzte seiner Art“, aus dem letzten Diplom-Physiker Jahrgang der Universität Erlangen-Nürnberg, der auch als Versuchskaninchen für den neuen Master-Studiengang herhalten musste. Anderthalb Jahre vorher hatte er mich in Japan besucht, um die Möglichkeiten für eine Promotion auszuloten. Dazwischen hatte es jede Menge bürokratische Anlaufschwierigkeiten und Probleme mit den Fristen gegeben. Zwischendurch gelang es uns dann immerhin, Dominik in meiner alten Arbeitsgruppe in Regensburg bei meinem Doktorvater „zwischenzuparken“.

Nach der Klärung der fundamentalen wissenschaftlichen Grundsatzpositionen (Ich trinke Kaffee und benutze einen Mac, Dominik trinkt Tee und benutzt einen Linux-Laptop und will keinen Mac, und Microsoft Windows gehen wir beide aus dem Weg und müssen es ab und zu trotzdem benutzen) ging es los mit der Forschung.

Der Vorteil bei der Betreuung eines Studenten, der aus demselben Bundesland kommt wie man selbst (mein „Bremer“ hatte ziemliche Lücken, was die Gymnasialbildung anging, nicht, was die Uni-Bildung anging): Man weiß, was der andere weiß, und man redet dieselbe Sprache, und das heißt in unserem Fall: Die Sprache der Geometrie. Die leidvolle Erfahrung bei der Betreuung von Studenten aus dem west-pazifischen Raum ist, dass die Mathe-Ausbildung dort Algebra-lastig ist, weil man so viel leichter Aufnahmeprüfungsaufgaben stellen kann. Leider bleibt dabei die mathematische Anschauung auf der Strecke, und die meisten physikalischen und ingenieurstechnischen Fragestellungen sind eben geometrischer Art. Das führt dazu, dass die hiesigen Studenten dann als Magister-Kandidaten oder Doktoranden den Geometrie-Stoff deutscher Gymnasien (ist aus internationalen Vergleichen wie PISA natürlich ausgeklammert) nachlernen müssen – oder scheitern.

Auf die fachliche Betreuung ist man vorbereitet. Bleibt noch die Betreuung, der man sich als Wissenschaftler etwas weniger gewachsen fühlt, und dass sind verwaltungstechnische Aktionen. Nachdem Japan als eines der ersten Länder das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch noch zu Kaisers Zeiten adaptiert hat, entspricht der Verwaltungsbetrieb hierzulande durchaus deutschen Maßstäben, mit allen Konsequenzen. Vom Sekretariat falsch ausgegebene oder von uns falsch ausgefüllte Formulare sind kein seltenes Problem, ebenso wie fehlgeleiteten Anfragen oder gestoppte Kontoüberweisungen innerhalb und außerhalb der Uni. Da die anfallenden Nachfragen die Japanisch-Kenntnisse von Austauschstudenten übersteigen, landet der Vorgang dann wieder ganz schnell auf meinem Schreibtisch. Natürlich bemühe ich mich nach Kräften, die Arbeit einem meiner Austauschstudenten mit guten Japanisch-Kenntnissen oder einem japanischen Studenten mit guten Englisch-Kenntnissen aufzuhalsen (man ist ja schließlich Professor), aber den Arbeitsfluss unterbrechen solche Aktionen allemal.

An zusätzlichen administrativen Fleißaufgaben ist kein Mangel, dafür sorgt nicht zuletzt das japanische Kultusministerium: Im Zuge der Nachwehen des Obotaka-Stammzellen-Fälschungs-Skandals wurde das Absolvieren eines E-Learning Programms für alle Wissenschaftler an staatlichen japanischen Wissenschaftseinrichtungen mit dem Thema Ethisches Verhalten in der Wissenschaft zur Pflicht. (Den privaten Universitäten bleibt das erspart; nebenbeigemerkt, Frau Obotaka kam von einer solchen). Textseiten und Fragebogen dazu gab es nicht nur auf Japanisch, sondern es gab auch eine englische Version, der staatliche japanische Forschungsbetrieb ist ja international. Kleiner Schönheitsfehler: Bei 4 von 11 Rubriken blieb es bei der japanischen Fassung. Scheinbar ist hier die Übersetzung nicht rechtzeitig fertig geworden, aber das Ausfüllen war auch für Ausländer Pflicht. Dominik kam eine Woche vor Ende der Frist bei mir an (ich musste es auch ausfüllen, aber hatte das ganze vor mir hergeschoben und noch nichts angeschaut) und wollte wissen, was er mit den japanischen Fragen machen sollte. Außer ein lahmes: “Geh’ zu den Magister-Studenten, die haben’s schon erledigt, und sagt mir nicht, was ihr getrieben habt ….” ist mir dann auch nichts eingefallen. Ich selber hatte übrigens im ersten Anlauf bei den japanischen Fragen (dank Jim Breams Internet-Dictionary) eine höhere Trefferquote als in den englischen. Das kann daran liegen dass die englischen Texte und die dazugehörigen Fragen von verschiedenen Übersetzern bearbeitet wurden, oder aber, dass bei der japanischen Zeichenschrift die Fragen so viel suggestiver sind als in westlicher Lautschrift, so dass die Elimination der falschen Antworten auch ohne jedes Verständnis leichter fällt? Falls das letztere zutrifft, kann man die internationalen PISA-Vergleiche getrost der Katz’ geben.

Wenigstens die Doktorarbeit und das Promotionskolloquium für Dominik werden auf Englisch sein. Leider werde ich für die Beantragung eine zweiseitige Inhaltsangabe auf Japanisch schreiben müssen, davor graust mir jetzt schon (kein Forscher in unserem Gebiet in Japan spricht ordentliches Japanisch, der japanische Wikipedia-Eintrag ist zwar sprachlich ok, aber inhaltlich unzutreffend, da manche Formulierungen bei anderen Methoden abgekupfert wurde, also, wie soll ich’s lernen). Aber bis dahin ist noch ein bisschen Zeit, und vielleicht finde ich ja einen Kollegen, dem ich einen Tausch anbieten kann, „du übersetzt mir meine anderthalb Seiten Englisch, und ich mach die Englisch-Korrekturen für Deinen Journal-Artikel …..“

 

Miniserie zu Geschichte, Kultur und Gesellschaft Japans

Ablauf einer Tee-Begegnung

von Vorstandsmitglied Dr. Chantal Weber

Der Tee-Weg beinhaltet in seiner Praxis verschiedene künstlerische Aspekte, die auf verschiedenen Ebenen wirken. Zum einen handelt es sich um eine Alltagskunst bzw. Lebenskunst, die sowohl Alltagshandlungen als auch ästhetische Prozesse beinhaltet. Zum anderen entwickelte der Tee-Weg eine Ästhetik, die sich auf historische Vorbilder bezieht und weit in die japanische Kultur ausstrahlen konnte. Die Tee-Kunst erfordert, dass der Mensch mit all seinen Sinnen in den Dialog mit sich, mit der Natur, mit den Objekten und nicht zuletzt mit anderen Menschen tritt. Dieser Dialog soll in Harmonie erfolgen, so dass in einem Prozess das Gesamtkunstwerk „Tee“ entsteht. Die Ästhetik wird dabei häufig mit dem wabi-Ideal gleichgesetzt, welches als „ästhetisch-existentielles Ideal, das die Schönheit des Ärmlichen und Unvollkommenen erschließen will“ (Ehmcke 1991:216), beschrieben werden kann. Es meint dabei die innere Einstellung zu den Objekten, welche zunächst gewonnen werden muss und sich dann in den Objekten selbst niederschlägt. Daneben bestimmt auch das sabi-Ideal die Ästhetik der Tee-Kunst: „Das Sein wird in seiner Einsamkeit, seinem Altern und Vergehen ästhetisch erlebt und bejaht“ (Ehmcke 1991:89). Da sich der Tee-Weg im Lauf der Zeit immer wieder an gesellschaftliche Gegebenheiten anzupassen vermag, wird auch die Ästhetik entsprechend verändert.

Die Gesamtheit der Ästhetik und Philosophie des Tee-Wegs manifestiert sich in jeder einzelnen Tee-Begegnung, die in sich einmalig ist. Diese Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit des Treffens wird mit dem Begriff ichigo-ichie bezeichnet. Nicht nur sind die Gäste und Gespräche einer Begegnung einmalig, sondern auch das Zusammenspiel aller Elemente – Utensilien, Kalligraphie, Blumenarrangement, Lichtverhältnisse oder Temperatur.

Die Tee-Begegnung konstruiert sich als Ritual, welches auf sozialer Kommunikation basiert. Auch wenn sich für das Ritual im Laufe der Zeit schulspezifische Regeln und Abläufe herausgebildet haben, sind allen Begegnungen gewisse Abläufe gemeinsam. Eine formelle Tee-Begegnung (chakai) beginnt mit einer schriftlichen Einladung des Gastgebers an die Gäste. Der Gastgeber bestimmt dann das Thema der Begegnung, welches er in Einklang mit der Jahreszeit, der Tageszeit sowie den eingeladenen Gästen festlegt. Das Thema findet Ausdruck im Rollbild in der Schmucknische (tokonoma), dem Blumenarrangement und der Auswahl der Tee-Utensilien. Ziel ist es, ein harmonisches Gesamtbild zu kreieren.

Am Tag der Begegnung treffen die Gäste im Tee-Garten ein und versammeln sich zunächst, um dann gemeinsam zum Tee-Haus zu gehen. Auf dem Weg dorthin reinigen sie an einem Handwaschbecken Hände und Mund; dieser Vorgang dient gleichzeitig der Reinigung von der weltlichen Sphäre. Der Gastgeber hat den Garten sorgfältig gesäubert und dennoch den Eindruck eines natürlich gewachsenen Umfelds erhalten.

Die Gäste gelangen durch den Kriecheingang (nijiriguchi) in das Tee-Zimmer, welches mit Tatami-Matten ausgelegt ist und außer der tokonoma keine Dekoration aufweist. Durch unregelmäßig angebrachte Fenster, deren Verkleidungen unterschiedlich sind, wird jeder Gast in einer individuellen Atmosphäre platziert.

Die eigentliche Tee-Begegnung gliedert sich in zwei Abschnitte, auch wenn heute häufig lediglich der zweite Teil durchgeführt wird. Zunächst bereitet der Gastgeber das sumidemae (Holzkohle-Ritual), mit dem das Feuer für das Tee-Wasser geschürt wird. Meistens werden in die Asche der Feuerstelle auch Duftholz oder Duftkugeln gelegt, die einen angenehmen Duft in Zeitintervallen verbreiten – je nachdem wie nah das Räucherwerk an die Hitzequelle gebracht wurde. Nachdem die Kohle arrangiert wurde – die Kunst besteht darin, dass das Wasser zum richtigen Zeitpunkt zum Sieden gelangt, wird das Essen kaiseki ryōri serviert.

Es folgt eine kurze Pause, in der die Gäste den Tee-Raum verlassen und auf das Zeichen des Gastgebers zur Rückkehr warten. Nun beginnt der zweite Abschnitt, welcher die eigentliche Tee-Begegnung darstellt: das Trinken des starken Tees (koicha). Nachdem alle Gäste wieder Platz genommen haben, bringt der Gastgeber zunächst die Tee-Schale (chawan) zusammen mit dem Tee-Besen (chasen), dem Tee-Löffel (chashaku) und dem Tee-Tuch (fukusa). Anschließend bringt er die Schöpfkelle (hishaku), das Gefäß für das Spülwasser (kensui) und den Untersetzer für den Deckel des Wasserkessels (futaoki). Die restlichen Utensilien wurden im Vorfeld bereit gelegt. Der Gastgeber reinigt symbolisch die Tee-Dose (natsume) mit dem Tuch, bevor er heißes Wasser in die Tee-Schale schöpft und diese symbolisch mit dem Tee-Besen säubert. Erst dann wird der Tee zubereitet, indem Pulver-Tee mit Wasser aufgegossen und mit dem Tee-Besen geschlagen wird. Währenddessen verspeisen die Gäste die bereitgelegte kleine Süßigkeit, die kunstvoll geformt sein kann und deren Süße mit dem bitteren Geschmack des Tees harmoniert. Der Erste Gast, der neben dem Gastgeber sitzend mit diesem interagiert und dem dadurch eine besondere Rolle zukommt, erhält die Tee-Schale vom Gastgeber und reicht sie weiter, nachdem er einen Schluck getrunken hat. Alle Gäste trinken aus einer Schale, die vom letzten Gast an den Gastgeber zurückgereicht wird. Es kann jedoch auch sein, dass jeder Gast eine eigene Schale erhält. Der Erste Gast und der Gastgeber beginnen nun ein Gespräch über Name und Herkunft der verwendeten Tee-Utensilien. Durch das Nennen der Namen der Geräte wird für den kundigen Tee-Menschen die Verbindung zu vergangenen Tee-Begegnungen und anderen Tee-Menschen hergestellt.

Nachdem der Gastgeber die Utensilien weggeräumt hat, widmet er sich ein zweites Mal dem Feuer und der Kohle, um dann den abschließenden leichten Tee (usucha) vorzubereiten. Die Atmosphäre ist nun zwangloser und die Gäste können sich unterhalten. Wenn der Tee getrunken ist, haben die Gäste Gelegenheit, die Utensilien und die Kalligraphie in der tokonoma zu betrachten und Fragen zu stellen. Der Erste Gast bitten dann den Gastgeber die Tee-Begegnung zu beenden, welcher die Gäste bis zum Eingang des Tee-Hauses begleitet. Die Tee-Begegnung ist mit der persönlichen oder schriftlichen Danksagung der Gäste am nächsten Tag vollständig abgeschlossen.

Die Tee-Kunst hat keine Darsteller und kein Publikum, sondern alle Beteiligten, Gastgeber und Gäste, sind Bestandteil der Kunst und tragen zum Gelingen der Begegnung bei. Die Rollen können bei der nächsten Begegnung vertauscht sein. Das Erlernen des Tee-Wegs bedarf jahrelanger Praxis, so dass die Bewegungen nicht künstlich oder einstudiert sondern natürlich wirken. Die Natürlichkeit der Kunst und das Einschreiben in den Körper ermöglicht es den Tee-Menschen, die Kunst in ihren Alltag zu transportieren und sie zu einem Teil des Lebens zu machen. Die Tee-Kunst erklärt das Leben an sich zur Kunst und kehrt in jeder Tee-Begegnung von der künstlerischen Ebene zur Alltagssphäre zurück.

Literaturhinweise:
Anderson, Jennifer L.: Japanese Tea Ritual: Religion in Practice. In: MAN 22, Nr. 3, 1987. S. 475–498.
Ehmcke, Franziska: Der japanische Tee-Weg. Bewußtseinsschulung und Gesamtkunstwerk. Köln: DuMont, 1991.
Weber, Chantal: Kulturhistorische Netzwerkanalyse – Am Beispiel des japanischen Tee-Meisters Kanamori Sōwa. Würzburg: Ergon, 2011.

 

Repräsentation des Clubs auf externen Veranstaltungen

12.01.2016: Präsentation der JSPS Clubs, in der Orientierungsveranstaltung von JSPS für die neuen Stipendiaten in Tōkyō, Hotel Monterey | Prof. Dr. Heinrich Menkhaus

13.02.2016: JaDe-Preisverleihung im Japanischen Kulturinstitut in Köln | Sabine Ganter-Richter, Dr. Chantal Weber

19.02.2016: Symposium: Das Japanbild der Deutschen. Eine kritische Bestandsaufnahme der deutsch-japanischen Beziehungen in Nordrhein-Westfalen, Veranstalter: Japanisches Generalkonsulat Düsseldorf und Deutsch-Japanische Gesellschaft am Niederrhein e.V. | Sabine Ganter-Richter

22.02.2016: Asa no Kai, München: Titel: „Harmonizing Corporate Management and Overcoming Intercultural Challenges at a Japanese-German Joint Venture: A Japanese Point of View” | Dr. Wolfgang Staguhn

25.02.2016: Empfang in der Deutschen Botschaft anlässlich der Unterzeichnung der Strategischen Partnerschaft zwischen DLR und JAXA | Prof. Dr. Heinrich Menkhaus

26.02.2016: Wissenschaftlicher Gesprächskreis mit Referent Mitglied Knauf im DAAD | Prof. Dr. Heinrich Menkhaus

 

Termine

  • 20./21.05.2016: Japanisch-Deutsches Symposium in Oldenburg zum Thema „Higher Education – Challenges and Current Developments“
  • 11./12.11.2016: Mitglieder laden Mitglieder ein, Hannover

 

Impressum

Herausgeber:
Deutsche Gesellschaft der JSPS-Stipendiaten e.V.
Redaktion: Dr. Chantal Weber
Mitarbeit: Dr. Meike Albers
Verantwortlich:
Deutsche Gesellschaft der JSPS-Stipendiaten e.V.
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Wien | 24.–25 Mai 2019
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