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Neues vom JSPS Club 03/2004


Dr. Michael Rauck, der als Wirtschaftswissenschaftler viele Jahre in Japan lebte, stellt hier sein neues Buchprojekt vor. Die Publikation wird vom Deutschen Institut für Japanstudien (DIJ) in Tokyo herausgegeben werden.


Die Meiji-Deutschen

Neben den japanischen Studenten, die ab 1866 zunehmend die deutschen Universitäten bevölkerten, waren es die Meiji-Deutschen, die den Grundstock für die intensiven deutsch-japanischen Wissenschaftsbeziehungen legten. Unter „Meiji-Deutsche“ sind diejenigen Deutschen zu verstehen, die während der Meiji-Zeit 1868–1912 einige Zeit in Japan lebten.

Erst durch die Hafenöffnung Japans 1859 wurde es Ausländern gestattet, sich in Japan niederzulassen. Bis 1899 war dieses Niederlassungsrecht auf bestimmte Gebiete in den Vertragshafenstädten (zunächst Nagasaki, Hakodate und Yokohama, dann auch Kobe, Osaka und Niigata) und in Tokyo beschränkt, wobei aber vereinzelt Sondergenehmigungen für andere Gegenden erteilt wurden.

Preußen durften sich zwar offiziell erst mit Inkrafttreten des ersten Preußisch-Japanischen Handelsvertrages 1863 niederlassen, andere Deutsche theoretisch erst 1867, als im Rahmen der Gründung des Norddeutschen Bundes die Gültigkeit dieses Vertrages auf sie ausgeweitet wurde. Doch in der Praxis konnten sie diese Regel umgehen, indem sie sich unter den konsularischen Schutz anderer Mächte, wie z. B. der Niederlande oder der USA, stellten. Die Kaufleute Hermann Ludwig Grauert, Wilhelm Grauert, Louis Kniffler und Julius Adrian waren jedenfalls schon in den Jahren 1857–59 in Nagasaki angekommen.

Wie viele deutsche Pioniere gab es, und wer waren sie? In den 1870er Jahren schwankten die Schätzungen der in Japan ansässigen Deutschen zwischen knapp 200 und 300, vor dem Ersten Weltkrieg lag die Zahl bei über 900, gegenüber Chinesen, Amerikanern und Engländern eine eher kleine, aber nichtsdestoweniger heterogene Gruppe. Daher können hier nur einige Schlaglichter auf sie geworfen werden. Man findet unter ihnen Kaufleute und kaufmännische Angestellte, die zahlenmäßig das Gros ausmachten, neben ihnen standen Seeleute, Handwerker und Facharbeiter, Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure, Architekten, Sprachlehrer unterschiedlichster Qualifikation, Offiziere, Musiker, evangelische und katholische Missionare bis hin zu Hausfrauen und in Japan geborenen deutschen Kindern.

So vielfältig wie ihre Berufe waren auch die Motive ihres Japan-Aufenthaltes. Teils wurden sie über die japanische Gesandtschaft in Berlin oder von deutschen Handelsunternehmen engagiert, teils kamen sie auf gut Glück nach Japan. Zu nennen sind die nicht alltägliche Möglichkeit einer Weltreise (wie es der Mathematiker Frank Ludwig Toselowski, 1873–75 als Lehrer in Tokyo, offen ausspricht), Abenteuerdrang, die Überbrückung schlechter Berufschancen in Deutschland, attraktive Arbeitsbedingungen im Dienste der japanischen Regierung und wissenschaftliches Interesse. Die deutschen Behörden erhielten vereinzelt sogar Anfragen, inwieweit sich Japan als Auswanderungsland eignete. In den Jahren 1868–70 kam es im Dorf Nanae auf Hokkaido zu einem Versuch, eine deutsche Musterfarm (Dominium Augustenfelde) mit deutschen Beschäftigten aufzubauen.

1870 wurde die Medizinschule Tokyo mit deutschen Professoren gegründet. In den 1880er Jahren wurden im Rahmen der Verhandlungen zur Vertragsrevision und der dadurch notwendigen Einführung eines westlichen Rechtssystems verstärkt deutsche Regierungsberater und Jura-Professoren berufen. Interessanterweise gehörten gerade die beiden bedeutendsten nicht zum preußisch-deutschen Mainstream: Hermann Roesler (1834–94) war zum Katholizismus konvertiert und hätte deswegen seine Professur in Rostock aufgeben müssen, Isaac Albert Mosse (1846–1925) war Jude und daher in seinen Karriereaussichten in Deutschland eingeschränkt. Jude war übrigens auch der Historiker Ludwig Rieß (1861–1928), der während seiner Lehrtätigkeit in Tokyo 1887–1902 großen Einfluß auf die japanische Historiographie ausübte. Im Gefolge der deutschen Rechtsberater kamen Ende der 1880er Jahre auch die Berliner Stararchitekten Wilhelm Böckmann (1832–1902) und Hermann Ende (1829–1907) mit einer Reihe von Mitarbeitern zum Bau von Parlamentsgebäude und Justizpalast nach Japan, namentlich Richard Seel (1854–1922) blieb 15 Jahre, in denen er Missions- und Bankgebäude wie auch Wohnhäuser für Ausländer baute. Auf die japanische Armee, seit der Niederlage Frankreichs gegen Preußen 1871 zunehmend an Deutschland orientiert, übte Jakob Meckel (1842–1906) als Lehrer der Kriegsakademie (1885–88) großen Einfluß aus.

Zum Zwecke wissenschaftlicher Forschungen bereisten die Geographen und späteren Bonner Universitätsprofessoren Ferdinand v. Richthofen (1833–1905) 1860–61 und 1870–71 und Johannes Justus Rein (1835–1918) 1873–75 Japan. Richthofen untersuchte u.a. Bergbauprojekte, Rein kam mit einem Auftrag des preußischen Handelsministeriums, die traditionellen japanischen Industrien, wie Herstellung von Papier und von Lackwaren, zu erkunden und ggf. nach Deutschland zu übertragen. Seine anschließend in Deutschland angestellten Versuche führten allerdings nicht zum Erfolg. Der Zoologe Franz Doflein (1873–1924), damals Privatdozent an der Universität München, erforschte in den Jahren 1904–05 in der Sagami-Bucht Tiefseetiere.

Von den deutschen Unternehmen unterhielten u.a. Siemens und Bayer Niederlassungen mit deutschen Ingenieuren bzw. Chemikern in Japan, andere wie die BASF gliederten ihre Experten an deutsche Handelsunternehmen an, die AEG an ein japanisches (Okura & Co.). Unter den Meiji-Deutschen finden sich Vergessene wie auch Prominente: Am bekanntesten waren wohl die Ärzte Erwin Bälz (1849–1913) und Julius Scriba (1848–1905), die an der medizinischen Hochschule der Kaiserlichen Universität Tokyo unterrichteten und auch Hofärzte waren. Bälz, 1876–1905 und somit fast 30 Jahre in Japan, war einer der produktivsten Erforscher Japans und der Japaner, er beschäftigte sich neben rein medizinischen und anthropologischen Problemen u.a. auch mit den in Japan so populären heißen Quellen.

Manche andere werden heute nur noch von „Eingeweihten“ mit Japan in Verbindung gebracht: So unterrichteten der spätere Reichskanzler Georg Michaelis (1857–1936) sowie der Völkerrechtler Ottfried Nippold (1864–1938) 1885–89 bzw. 1889–92 an der deutschen Rechtsschule in Tokyo (Schwesterschule der späteren Dokkyo-Universität). Der Finanzwissenschaftler und spätere preußische Innenminister Heinrich Waentig (1870–1943) war bereits Professor an der Universität Halle, als er sich beurlauben ließ, um 1909–13 auf Englisch an der Kaiserlichen Universität Tokyo zu lehren. Der Historiker und Bismarck-Forscher Otto Becker (1885–1945, später Professor in Halle und Kiel) war 1912–14 Deutsch- und Lateinlehrer an der 6. Höheren Schule in Okayama, der Mathematiker Konrad Knopp (1882–1957, später Professor in Königsberg und Tübingen sowie Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften) 1908–09 Deutschlehrer an der höheren Handelsschule in Nagasaki. Beide nutzten ihre Zeit in Japan – für Becker kamen noch sechs Jahre in japanischer Kriegsgefangenenschaft in Kurume dazu – für ihre Habilitations-Vorbereitung. Die Offiziere Karl Haushofer (1869–1946, später Geographieprofessor in München und Präsident der so genannten Deutschen Akademie, Lehrer von Rudolf Hess und Begründer der Geopolitik) und Alexander v. Falkenhausen (1878–1966, bekannt geworden als Militärberater der chinesischen Guomintang, 1941–44 deutscher Militärbefehlshaber in Belgien) waren 1909–10 bzw. 1909–14 als Sprachoffiziere bzw. Militärattaché in Japan tätig.

Der Erste Weltkrieg stellte für die Aktivitäten der Deutschen in Japan bedingt eine Zäsur dar. Während die japanischen Studenten in Deutschland nach Kriegsausbruch in einer von langer Hand vorbereiteten Aktion interniert und dann abgeschoben wurden, wurden Deutsche in Japan erst ab 1916 zunehmend in ihrer Tätigkeit eingeschränkt, teils auf englischen Druck hin. Allerdings nahmen einige 1914 bei Kriegsausbruch an den Kampfhandlungen in Qingdao teil und tauschten so ihre Stellung gegen die Kriegsgefangenschaft ein. Die Japan-Deutschen bekamen durch die über 3000 deutschen Kriegsgefangenen, die 1914/1915 von Qingdao in zehn Lager in Japan verbracht wurden, unfreiwillige Verstärkung. Letztere hatten aber häufig durchaus Kontakte zu ihrer japanischen Umwelt, einige unterrichteten in örtlichen Schulen. Kriegsgefangenen wird auch die japanische Erstaufführung der in Japan so populär gewordenen Neunten Symphonie Beethovens zugeschrieben.

Doch konnten erst ab den 20er Jahren die alten deutsch-japanischen Kontakte wieder fortgeführt werden. Umstritten bleibt, inwieweit die Meiji-Deutschen zur Entwicklung des japanischen Nationalismus und Militarismus der 30er und 40er Jahre beitrugen.

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