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Neues vom JSPS Club 02/2019

 

EDITORIAL

Wissenschaft in den Angeboten der Deutsch-Japanischen Gesellschaften

von Prof. Dr. Heinrich Menkhaus, Vorsitzender und Landesbeauftragter Japan

(Vortrag gehalten vor den Teilnehmern der 55. Verbandstagung der Deutsch-Japanischen Gesellschaften am 31. Mai 2019 im Rathaus Bonn)

I. Einleitung

Die Deutsche Gesellschaft der JSPS Stipendiaten e.V., kurz JSPS-Club, ist seit der Verbandstagung in Bremen im Jahre 2006 Mitglied des Verbandes der Deutsch-Japanischen Gesellschaften. Er zählt mit annährend 500 Mitgliedern zu den größten Mitgliedsgesellschaften des Verbandes. Seine Mitglieder sind Wissenschaftler und Institutionen, die sich mit dem Wissenschaftsaustausch zwischen Japan und dem deutschsprachigen Raum befassen, wie z.B. Universitäten, Forschungsförderer und -träger. Die Wissenschaftler unter den Mitgliedern sind entweder Graduierte aus dem deutschsprachigen Raum, die in Japan studiert, geforscht und gearbeitet haben oder das heute tun. Auf der anderen Seite sind es japanische Wissenschaftler, die im deutschsprachigen Bereich tätig waren oder sind.

Der JSPS-Club hat seit 2006 versucht, die Wissenschaft als Thema in den Angeboten der Deutsch-Japanischen Gesellschaften zu verankern. Das ist bis heute nicht in wünschenswertem Umfang gelungen. Von wenigen Gesellschaften abgesehen – Berlin, Stuttgart und Bonn – sind bisher keine Mitglieder zu Vorträgen gebeten worden, obwohl viele der Mitglieder des JSPS-Clubs auch Mitglieder in den örtlichen Deutsch-Japanischen Gesellschaften sind. Der JSPS-Club hat deshalb auf der Verbandstagung in Trier eine Sektion Wissenschaft bestritten, die indes als Parallelveranstaltung zu anderen Sektionen organisiert war und infolgedessen nicht von allen Teilnehmern der Verbandstagung besucht werden konnte. Dieses Mal haben wir keine Konkurrenzsektionen. Einer der seinerzeit gegebenen Anregungen, eine Liste mit möglichen Referenten und Vortragsthemen der Mitglieder über den Verband an die einzelnen Mitgliedsgesellschaften weiterzuleiten, ist Rechnung getragen worden. Dabei hat sich der Club zunächst auf potentielle Vortragsthemen der Vorstandsmitglieder beschränkt. Diese Aktion war nicht erfolgreich. Auch ist von den Mitgliedsgesellschaften des Verbandes nicht die Anfrage gekommen, für die Präsentation eines bestimmten wissenschaftlichen Themas ein Mitglied des JSPS-Clubs zu benennen.

Andererseits veranstaltet der JSPS-Club zweimal im Jahr Symposien im deutschsprachigen Raum, zu denen die Mitglieder der örtlichen Deutsch-Japanischen Gesellschaften eingeladen werden. Leider hatten diese Einladungen wenig Resonanz. Gleichzeitig werden die jeweiligen Vorstände der örtlichen Deutsch-Japanischen Gesellschaften gebeten, ein Grußwort zu sprechen. Das war nur erfolgreich in Ulm 2017 (Thema Frauengesundheit) mit Grußwortsprecher Herr Grosse aus Stuttgart, in Frankfurt 2018 (Thema Biomimetik) mit Grußwortsprecher Herr Zeisewitz aus Frankfurt, ebenso wie bei der „Mitglieder laden Mitglieder ein“ genannten Veranstaltung im jeweiligen Herbst eines Jahres, z.B. in Hannover 2017, wo beide Hannoveraner Mitgliedsgesellschaften durch Frau Schieble respektive Herr Thürnau vertreten waren, sowie in Bonn 2018, wo die Vorsitzende Frau Ganter-Richter ist, die ohnehin im Vorstand des JSPS-Clubs ist.

Wir möchten deshalb heute einen erneuten Versuch machen, das Thema Wissenschaft zu einem festen Bestandteil der Veranstaltungen der Deutsch-Japanischen Gesellschaften zu machen. Die Gründe sind einfach. Japan und Deutschland sind auf diesem Gebiet international bedeutend, es gibt viel Zusammenarbeit und was dabei entwickelt wird, berührt unser aller tägliches Leben, was in einigen Vorträgen der Mitglieder des JSPS-Clubs im Anschluss an meine einführenden Worte deutlich gemacht wird.

II. Kultur und Wissenschaft

In der Satzung des Verbandes heißt es, dass die Mitgliedsgesellschaften den deutsch-japanischen Austausch auf den Gebieten Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Sport und Gesellschaft fördern wollen. Wissenschaft ist also eigens benannt.

Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Wissenschaft als Teil der Kultur angesehen, Wissenschaftspolitik war also Teil der Kulturpolitik. Der Begriff Kultur war seinerzeit recht umfassend. Er beinhaltete Sport, Recht, Kunst, Wissenschaft und anderes mehr. Seither hat sich im Hinblick auf den Begriff Kultur ein Bedeutungswandel vollzogen und viele der ehemals vom Begriff Kultur umfassten Disziplinen haben sich verselbständigt.

Der Sport hat sich als erstes aus der Kultur verabschiedet und eigenständige Strukturen gebildet. Das wird an der Zusammenarbeit zwischen der deutschen Sportjugend (dsj) und der Japan Junior Sports Association (JJSA) deutlich. Die auf der Verbandstagung in Trier verteilte Broschüre zum deutsch-japanischen Sportaustausch macht das ganz deutlich. Das heißt nicht, dass sich die Deutsch-Japanischen Gesellschaften nicht mehr über den Sport definieren können. Von den Nicht-Verbandsmitgliedern Boppard auf deutscher und Ōme auf japanischer Seite ist bekannt, dass sie sich weiter im Marathon (Rhein Marathon und Ōme Marathon), dem sie ihre Existenz verdanken, engagieren.

Auch andere, ehemals dem weiten Begriff Kultur zugehörige Disziplinen, haben sich verselbständigt und Fachgesellschaften gegründet. Das gilt z.B. für das Recht. Der deutsch-japanische Austausch auf diesem Gebiet wird von einem Nicht-Verbandsmitglied, der Deutsch-Japanischen Juristenvereinigung, bestritten. So verlief es auch bei der Wissenschaft als ehemaligem Bestandteil der Kultur. Hier ist als Fachgesellschaft nicht nur die Alumni-Vereinigung der deutschsprachigen wissenschaftlichen Japanfahrer, also die Deutsche Gesellschaft der JSPS Stipendiaten, die ich vertrete, entstanden, sondern auch einige deutsch-japanische bilaterale Fachgesellschaften, etwa im Bereich der Medizin.

Die Kultur ist mittlerweile zu einer Kultur im engeren Sinn verkleinert worden: Kultur bedeutet jetzt Kunst. Dazu gehört Architektur, Bildhauerei, Film, Literatur, Musik, Theater, Tanz, usw. Selbst in diesem gegenüber früher erheblich eingeschränkten Bereich der Kultur aber ist es schon zur Ausbildung von Fachgesellschaften des deutsch-japanischen Austausches gekommen. Der weitere Mitveranstalter der diesjährigen Jahrestagung Animexx ist dafür ein gutes Beispiel. Die Gesellschaft widmet sich der Populärkultur (Manga, Anime, Cosplay etc.) und ist insbesondere mit ihrem jährlichen Festival Connichi außerordentlich erfolgreich. Ein weiteres Beispiel sind die Trägerorganisationen der japanischen Filmfestivals in Deutschland. Genannt seien hier nur Nippon Connection in Frankfurt und Nihon Media in Hamburg.

III. Was ist zu tun?

Die Existenz der Fachgesellschaften im deutsch-japanischen Austausch verdrängt nicht die Bedeutung der lokalen Deutsch-Japanischen Gesellschaften, im Gegenteil, sie bereichert deren Programmgestaltungsmöglichkeiten, sei es, dass eine Tagung der örtlichen Deutsch-Japanischen Gesellschaft mit einer Veranstaltung der Fachgesellschaften zusammengelegt wird, wie es etwa der JSPS-Club mehrfach versucht hat, oder die Fachgesellschaften mögliche Referenten für Vorträge bei den lokalen Gesellschaften benennen, für die ebenfalls Mitglieder des JSPS-Clubs jederzeit zur Verfügung stehen. Lassen Sie mich deshalb mit der wiederholten Bitte schließen, den JSPS-Club und seine Mitglieder bei Ihrer Programmgestaltung zu berücksichtigen.

 

VERANSTALTUNGSBERICHTE

24. Japanisch-Deutsches Symposium „Art, architecture and technology: 150 Years of diplomatic relations between Japan and Austria“, 24. und 25. Mai 2019 in Wien

von Vorstandsmitglied Dr. Matthias Hofmann

Das nunmehr 24. gemeinsame Deutsch-Japanische Symposium der Japan Society for the Promotion of Science (JSPS) und der Deutschen Gesellschaft der JSPS Stipendiaten fand mit der aktiven Mitwirkung der Technischen Universität Wien statt.

Das Thema der diesjährigen Veranstaltung „Art, architecture and technology“ verband als „roter Faden“ die Themen der vier Vortragspanel. Passend zur Thematik des diesjährigen Symposiums konnte die Veranstaltung im historisch und architektonisch bedeutsamen Kuppelsaal der TU Wien am Karlsplatz im Zentrum Wiens durchgeführt werden. Beginnend mit der ersten Darstellung japanischer Kunst und Gewerke außerhalb des Landes im Rahmen der Wiener Weltausstellung von 1873, spann sich der Bogen des Symposiums über traditionelle japanische Architektur, die neuzeitliche Nutzung von Holzarchitektur hin zu moderner Baurobotik und der Umsetzung von Architektur im Zeitalter von Drohnen und Robotern. Im Rahmen des 150-jährigen Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Japan in diesem Jahr wurde dem Symposium der Ehrenschutz der Botschaft Japans in Österreich zuteil. Zur Einführung stellte unser Mitglied und lokale Organisatorin des Symposiums Frau Dr. Iris Mach die Themen, Vortragenden und den zeitlichen Kontext der vier Panels des Symposiums vor.

Im ersten Vortrag führte uns Dr. Bernhard Scheid (Österreichische Akademie der Wissenschaften und Universität Wien) in die Zeit der Meiji-Restauration. In dieser Zeit wurde Shinto zu einer Art „Staatsreligion“ Japans aufgebaut. Gleichzeitig hat die breite Bevölkerung und insbesondere die politische Elite das Vertrauen in den Religionsbegriff geschwächt, da dieser für sie eng mit dem Christentum verbunden war. In Folge dieser gegensätzlichen Kräfte wurde Shinto zu einer nicht-religiösen patriotischen Pflicht erklärt, die sich auf die Tenno-Anbetung konzentrierte. Kume Kunitake war ein wichtiger Zeitzeuge der politischen und gesellschaftlichen Erneuerungen Japans in diesen Jahren. Er war offizieller Chronist der bedeutenden „Iwakura Mission“ von 1871–1873, in der japanische Diplomaten in einer „rund um die Welt“-Reise alle wichtigen westlichen Staaten bereisten. Später wurde er Professor an der Tokyo Imperial University und arbeitete als Historiker an der Dai Nihon Hennen Shi, einer umfassenden Enzyklopädie der japanischen Geschichte. Im Jahre 1892 veröffentlichte er einen Artikel mit dem Titel “Shinto ist ein alter Brauch der Himmelsanbetung“. Kumes Ziel war es, Shinto mit dem modernistischen Paradigma des zivilisatorischen Fortschritts in Einklang zu bringen. Jedoch erzürnte sein Artikel viele Traditionalisten, die ihn der Majestätsbeleidigung beschuldigten. Sein Artikel wurde als aufrührerisch und äußerst kritisch gegenüber dem staatlichen shintoistischen System angesehen. In Folge dessen musste Kume trotz hervorragender Verbindungen in die Regierung von seinen Ämtern an der Universität zurücktreten. So wurde er zu einer Art Bauernopfer in einer Zeit, in der es den konservativen Intellektuellen gelang, die öffentliche Meinung in Richtung eines traditionalistischen, autoritären Gesellschaftsbilds zu verschieben, womit die Tabuisierung jedes intellektuellen Diskurs über Shinto einherging.

Im Anschluss an den ersten Vortrag führte uns JSPS-Clubmitglied Frau Prof. Dr. Ingrid Getreuer-Kargl (Universität Wien) auf die Spuren der Wiener Weltausstellung von 1873 und zeigte, welchen Einfluss die erste Präsentation von japanischen Produkten nach der 200-jährigen Abgeschlossen¬heit des Landes auf das Bildungsbürgertum Wiens hatte. Beispielhaft führt sie das Werk „Japan“ von Eufemia von Kudriaffsky an. Obgleich nicht hinreichend geklärt werden kann, was als Auslöser zur Erstellung und der anschließenden Veröffentlichung des Buches beigetragen hat, kann es als ein Beispiel des gestiegenen Japaninteresses der Wiener Gesellschaft im Anschluss an die Weltausstellung gesehen werden. Das Werk selbst wurde in Form von vier „Vorlesungen“ jungen Frauen des wachsenden Wiener Bildungsbürgertums vorgetragen. Von Kudriaffsky selbst war bis dato für Ihre vielfältigen Blumengemälde bekannt. Vor diesem Hintergrund lässt die Erstellung ihres Buches vermuten, dass sie hier dem Trend des wachsenden Interesses an dieser „kleinen, unbekannten Insel östlich von China“ folgte. Es ist bekannt, dass sie ihr Buch „Japan“ der Ehefrau des Ersten Sekretärs der japanischen Legation in Wien, Tei Watanabe, der sie selbst Deutschunterricht gab, widmete. Prof. Getreuer-Kargl stellte anhand der Gliederung des Werkes dar, dass sich von Kudriaffsky in eine große Bandbreite des japanischen Alltagslebens eingearbeitet hatte, um ihr Werk zu schreiben. Das Buch selbst umfasst hierbei ein breites Kompendium aller damaligen Quellen zu Japan. So referenziert sie Texte von Kämpfer oder Siebold, benennt persönliche Erfahrungen durch Besuche der Weltausstellung oder zitiert Informationen, die sie durch ihren persönlichen Austausch mit Tei Watanabe gewonnen hatte.

Den Abschluss des ersten Vortragblockes bildete Frau Dr. Bettina Zorn, Kuratorin der Ostasien-Kollektion des Weltmuseums Wien. Das Weltmuseum Wien, vormals Museum für Ethnologie Wien, wurde im Oktober 2017 nach mehrjähriger Renovierung wiedereröffnet. Im Zuge dieser Renovierung wurde die neue Galerie „1873 – Japan comes to Europe“ realisiert. Im Mittelpunkt der neugestalteten Galerie steht das einzigartige Modell einer Daimyo-Residenz, welches seinerzeit auf der Weltausstellung in Wien gezeigt wurde. In ihrem Vortrag ging Frau Dr. Zorn zunächst auf die langjährigen Restaurierungsarbeiten am Modell ein, bevor es in neuem Glanze jetzt den Höhepunkt des neuen Japanraumes darstellen kann. Des Weiteren stellte sie ausgehend von diesem eindrucksvollen Ausstellungsstück im Zentrum der neuen Galerie die konzeptuelle Umsetzung und Gestaltung der einzelnen Ausstellungsvitrinen vor.

Das zweite Vortragspanel beschäftigte sich mit dem Thema der traditionellen japanischen Architektur. Prof. Dr. Siegfried RCT Enders, Präsident des ICOMOS (International Council on Monuments and Site) Scientific Committee on Shared Built Heritage präsentierte zunächst eine Übersicht der Geschichte zur Erhaltung historischer Gebäude in Japan. Eine herausragende Rolle spielt hierbei das japanische „Monument Protection Law“, welches im Gegensatz zum deutschen Denkmalschutzgesetz in Japan als „cultural protection law“ gesehen werden kann, welches über das materielle Erbe hinaus auch das immaterielle kulturelle Erbe unter Schutz stellt. Aus Japan sind in den letzten Jahren eine Vielzahl von Objekten in die Liste des UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen worden. Dies liegt zum einen daran, dass sich die UNESCO verstärkt Asien zuwendet, zum anderen auch an der Arbeit vielfältiger Nichtregierungsorganisationen in Japan, welche sich mit den Kulturschätzen des Landes aktiv beschäftigen. Der Weltkulturerbe-Status wird in Japan viel stärker als in Deutschland auch als Mittel zur Werbung für den Tourismus gesehen und eingesetzt. Anhand einiger Beispiele zeigte Prof. Enders diese Mechanismen und die beteiligten Institutionen, welche zur Anerkennung von Bauten als Stätten des „nationalen Erbes“ führen.

Im nächsten Vortrag beschäftigte sich Frau. Prof. Kaori Fujita von der Tokyo Universität mit der Fragestellung, welche strukturellen Eigenschaften in historischen japanischen Holzbauten die Grundlage für deren guten Erdbeben- oder auch Taifun-Schutz darstellen. Anhand von Ultraschallmessungen und Nachbauten der Holzstrukturen, z.B. von Pagoden (Goju no to) aus Nara, konnten mit modernen wissenschaftlichen Methoden die Maßnahmen zur Verteilung der auf die Strukturen einwirkenden horizontalen Kräfte untersucht werden. Diese horizontalen Kräfte treten vor allem bei Erdbebenschwingungen sowie in starken Taifunen auf. Anhand von Bildern nach dem Kobe-Erdbeben konnte Prof. Fujita auch zeigen, welchen minimalen Erdbebenschutz die ersten Steingebäude in Japan aufwiesen, welche in der Meiji-Epoche erbaut wurden. Dies ist ein Beispiel, dass auch auf dem Gebiet der Architektur der neue moderne westliche Standard unreflektiert übernommen wurde, ohne darauf zu achten, welches Wissen in der traditionellen japanischen Architektur hinsichtlich Erdbebensicherheit vorhanden war.

Der Thematik der Holzarchitektur wurde auch zu Beginn des zweiten Tages des Symposiums Rechnung getragen. Zuvorderst stellte Prof. Dr. Klaus Zwerger von der TU Wien parallele Entwicklungen in der Architektur zwischen Japan und Europa dar, ohne dass hier vorab ein Austausch stattgefunden haben konnte. Dies ist umso bemerkenswerter vor dem Hintergrund der „klassischen“ westlichen Aussage, welche ab Mitte des 19. Jahrhunderts populär wurde, dass Japan „anders sei“. Praktische Notwendigkeiten, wie das Errichten von Lagergebäuden auf Pfählen, um die Kontamination mit Schädlingen oder Eindringen von Feuchtigkeit zu verhindern, waren nur einige der anschaulichen Beispiele in seinem Vortrag, die darstellten, dass hier keine „andere“ Entwicklung stattgefunden hatte. Zum Teil konnte man nicht immer genau erkennen, ob ein Zweckbau in Japan oder Europa entstanden ist.

Im Folgenden stellte Prof. Dr. Mikio Kushihara von der Tokyo Universität Beispiele moderne Holzarchitektur in Japan vor. Über viele Jahrzehnte war der Neubau von mehrgeschossigen, großen neuen Holzbauten in Japan aufgrund der geltenden Baugesetze verboten. Mangelhafter Brandschutz war hier eines der zentralen Themen. Erst mit der Etablierung moderner Brandschutzmethoden wurde das japanische Baugesetz im Jahre 2000 geändert und es wurde wieder möglich, moderne, auch mehrgeschossige Holzgebäude zu planen bzw. zu bauen. Noch befindet sich diese Entwicklung am Anfang, aber es ist ersichtlich, dass das Interesse an und die Umsetzung solcher Projekte in Zukunft steigen wird. Mit Holz als natürlich nachwachsendem Rohstoff, der Implementierung moderner Brandschutzmethoden, sowie hohem Erdbebenschutz bieten mehrgeschossige Holzbauten in Zukunft nicht nur Alternativen für Wohngebäude, sondern auch für Geschäfts- und Bürogebäude.

Über das „Wie“ solche modernen Holzgebäude in der Zukunft gebaut werden könnten, berichtete das Mitglied des JSPS-Clubs Prof. Dr. Thomas Bock von der TU München. In seinem Vortrag zeigte er die Entwicklung von Baurobotern seit den 1960er bis heute auf. Halfen diese Systeme anfänglich der Durchführung einzelner Aufgaben, z.B. der Installation von Deckenplatten, so sind sie heute in der Lage, ganze Etagenebenen in automatisierter, standardisierter Form zu errichten. Dies führt zu einer ungemeinen Beschleunigung des gesamten Bauprozesses. Aber nicht nur bei dem Bau selbst kommen Roboter zum Einsatz, auch die Wohnung der Zukunft besitzt vielfältige technische, automatisierte Systeme, welche im Speziellen den älteren Mitbewohnern bei der Verrichtung alltäglicher Arbeiten unterstützend zu Hilfe kommt. Hier erfolgt eine Verknüpfung des „smart home“-Systems mit weiteren Funktionen, wie der im Stuhl integrierten Blutdruckmessung.

Noch einen Schritt weiter in die Zukunft führte Prof. Dr. Tomoyuki Furutani von der Keio Universität die Teilnehmer des Symposiums, indem er sich in seinem Vortrag der Architektur im Zeitalter von Drohnen, Robotern und automatisiertem Fahren zuwandte. Zuerst stellte Prof. Furutani die aktuelle Situation im Großraum Tokyo vor, bevor er in einigen Simulationen einen Blick in die Zukunft warf. Hier muss bei der architektonischen Umsetzung von Wohngebäuden zukünftig die Einrichtung von „Parkplätzen“ für „flying cars“ bedacht werden, öffentliche Gebäude müssen mit „fly-in“-Plätzen auf Ihren Dächern bedacht sein. Des Weiteren muss es ähnlich den heutigen Bahnhöfen im innerstädtischen Bereich große allgemeine Landeplätze für die senkrecht-startenden Lufttaxis der Zukunft geben. Wie die Regelung eines Großteils des zukünftigen „Individualluftverkehrs“ aussehen könnte, steht allerdings noch auf einem anderen Blatt.

Im letzten Vortrag des Symposiums widmete sich Dr. Oliver Schürer von der TU Wien der Fragestellung, wie sich das gesellschaftliche Zusammenleben zwischen humanoiden Robotern und Menschen entwickeln wird. Welchen Einfluss wird der Einsatz humanoider Roboter im Arbeitsalltag, im öffentlichen Raum oder auch im privaten Umfeld zukünftig haben? Schürer führte aus, dass der für Roboter und Menschen gebräuchliche Begriff "Wahrnehmung" auf elegante Weise die Tatsache verschleiert, dass die verschiedenen technologischen Wahrnehmungssysteme nur eine metaphorische Ähnlichkeit mit dem menschlichen Wahrnehmungssystem aufweisen – ihre Unterschiede führen jedoch zu weitreichenden Konsequenzen. So steht die quantitativ fundierte, abstrakte Datenverarbeitung technischer Wahrnehmungssysteme im direkten Widerspruch zu den persönlichen Bedeutungen, die in Erfahrungen rund um kulturelle Vorstellungen des Menschen wurzeln. Zur Lösung dieser Problematiken hat die interdisziplinäre Forschungsgruppe H.A.U.S (Humanoid Robots in Architecture and Urban Space) einen Ansatz entwickelt, bei dem sich die verschiedenen Wahrnehmungssysteme ein hybrides Raummodell teilen. Es wird gemeinsam von Menschen und Roboter mittels eines maschinellen Lernsystems erzeugt. Das Ziel der aktuellen Forschung von H.A.U.S. ist es, ein Modell von kultureller Bedeutung zu generieren, das die bis heute nicht greifbare Aspekte einbezieht.

Den ungewöhnlichen Abschluss des diesjährigen Symposiums bildete die Performance „Ningyo buri – Doppelgänger“ in Kooperation mit H.A.U.S. Das Stück bezieht sich auf Bunraku und einen poetischen Text aus dem 18. Jahrhundert. In der Performance wurden die Ausdrucksmöglichkeiten zweier humanoider „Pepper“-Roboter mit der improvisierten Herangehensweise eines Tänzers konfrontiert. Die fragile Verbindung zwischen Mensch und Maschine in dieser Darstellung warf Fragen nach dem Posthumanen auf.

 

55. VDJG-Jahrestagung, 30. Mai und 1. Juni 2019 in Bonn

von Vorstandsmitglied Prof. Dr. Anke Scherer

Die Jahrestagung des Verbandes Deutsch-Japanischer Gesellschaften (VDJG) fand dieses Jahr in Zusammenarbeit des VDJG mit der DJG-Bonn, Animexx und nicht zuletzt dem JSPS-Clubs in Bonn statt. Informell hatten sich die Teilnehmer am 31. Mai zu einem Begrüßungsabend getroffen. Eröffnet wurde die Veranstaltung dann am 1. Juni offiziell im Gobelin-Saal des Alten Rathauses in Bonn von Dr. Volker Stanzel, dem Präsidenten des VDJG sowie Takeshi Nakane, dem Vize-Präsidenten des Verbandes der Japanisch-Deutschen Gesellschaften und ehemaligem japanischen Botschafter in Deutschland. Für die Mitveranstalter begrüßten Sabine-Ganter Richter (DJG Bonn), Prof. Dr. Heinrich Menkhaus (JSPS-Club) und Marc Schuler (Animexx) die Gäste. Der Oberbürgermeister von Bonn, Ashok-Alexander Sridharan und Seine Exzellenz der japanische Botschafter Takeshi Yagi sprachen längere Grußworte und betonten wie alle Redner die Wichtigkeit der deutsch-japanischen Beziehungen, die vielfältigen Verbindungen beider Länder und die besondere Bedeutung der Stadt Bonn mit seinem auch in Japan sehr berühmten „Sohn der Stadt“ Ludwig von Beethoven.

Festredner Dr. Theo Sommer

Die Organisatoren hatten für den Festvortrag Dr. Theo Sommer (ehemaliger Herausgeber und Chefredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT) gewinnen können, der in einem Schnelldurchgang durch die jüngere Geschichte auf die Parallelität der Entwicklung der beiden Länder Deutschland und Japan einging. Gekonnt führte er die Zuhörer durch die Höhen und Tiefen der Entwicklung beider Länder und betonte dabei, wie wichtig dabei der gegenseitige Respekt für die Beziehung sei. Beide Länder sind in der derzeiten weltweiten Umbruchsphase wichtige Akteure, die viele gemeinsame Werte teilen. Für die Zukunft fragte er, ob Japan nicht sogar das Modell sein könnte, mit dem Länder auf hohem Niveau mit Null-Wachstum in einer so genannten „Post Growth World“ nachhaltig leben können. In dem darauffolgenden vom JSPS-Club gestalteten Veranstaltungsteil „Bedeutung der Wissenschaft für die deutsch-japanischen Beziehungen“ sprachen die Clubmitglieder Prof. Dr. Heinrich Menkhaus (dessen Redemanuskript als Editorial dieser Ausgabe abgedruckt ist), Prof. Dr. Erik Bründermann, Prof. Dr. Werner Meyer und Dr. Wolfgang Staguhn. Prof. Bründermann zeigte am Beispiel der Hochfrequenztechnologie, wie der deutsch-japanische Wissenschaftsaustausch zu wichtigen technischen Entwicklungen geführt hat, z.B. um in Kunst und Architektur Strukturen sichtbar zu machen oder mit Gepäckscannern im Flughafen oder Teleskopen im Weltraum „durch Objekte durchzuschauen“. Prof. Meyer blickte danach auf seine erfolgreiche Wissenschaftlerkarriere zurück, in der er in der Nuklearphysik über 40 Jahre lang eng mit seinen japanischen Kollegen zusammengearbeitet hat. Er betonte die Wichtigkeit von gegenseitigem Vertrauen als Basis für die Zusammenarbeit, gepaart mit der notwendigen finanziellen Unterstützung auf beiden Seiten. Abschließend zeigte Dr. Staguhn an vielen Beispielen für die Anwendung von Technologie aus Japan im Alltag – in der Kommunikationstechnologie, der Medizin und Pharmakologie –, dass Japan ein bedeutender Wissenschaftspartner Deutschland ist.

Planung von Diskussionsrunden beim Barcamp

Am Nachmittag wurden Themen, die aus den Reihen der VDJG-Mitglieder vorgeschlagen worden waren, in Form eines so genannten Barcamps diskutiert. Zwar verwirrte die neue, agile Form der Arbeitsgruppen, die sich jeweils locker um die Person, die das Thema vorgeschlagen hatte, für 45min zu einer offenen Diskussion treffen sollten, die meisten Teilnehmer anfangs. Dann kamen die Gruppen aber doch zu angeregten Gesprächen zusammen und überlegten sich Anregungen dazu, wie die Zukunft der Deutsch-Japanischen Gesellschaften aussehen könnte, wie man Spezialgruppen einbinden, gesellschaftliche relevante Themen aufnehmen, die Digitalisierung innerhalb des VDJG vorantreiben, besser mit Studierenden zusammenarbeiten, neue Mitglieder gewinnen und eine bessere Öffentlichkeitsarbeit betreiben kann. Der JSPS-Club organisierte eine Diskussionsrunde zur Frage danach, welche wissenschaftliche Veranstaltungen aus Anlass der Feier des 160. Jubiläums der deutsch-japanischen diplomatischen Beziehungen im 2021 geplant werden sollten. Den krönenden Abschluss des offiziellen Teils bildete der Japanabend auf Einladung der japanischen Botschaft.

 

Ein neues deutsch-japanisches Forschungsprojekt im Bereich der Biomimetik

von Clubmitglied Prof. Dr. Olaf Karthaus

Takumi Arakawa (links), Thomas Berberich (Mitte) und Olaf Karthaus (rechts) vor dem Senckenberg Museum

Der Club hat ein neues Kind. Naja, es ist noch nicht geboren und wir wissen nicht was ‘herauskommt’, aber es ist schon gezeugt. Und es hat zwei Väter.

Wenn ich mit diesen drei Sätzen Interesse geweckt habe, dann kann ich ja mit wissenschaftlicher Prosa weitermachen. Denn es handelt sich nicht um ein menschliches Baby aus der Retorte, sondern um ein Kakenhi-Projekt des MEXT in Japan, an dem zwei Clubmitglieder beteiligt sind; neben mir als ‘Principal Researcher’ (Chitose Institute of Science and Technology, kurz CIST) ist das Thomas Berberich als ‘Research Collaborator’ (Senckenberg Biodiversity and Climate Research Center). Außerdem ist auch Norihisa Tanio (CIST) als ‘Co-Investigator’ mit im Boot.

Als Polymerchemiker interessiere ich mich schon seit längerem für Biomimetik, und ich bin sehr dankbar, dass ich mich sogar letztes Jahr in die Organisation des Club-Symposiums bei Senckenberg in Frankfurt einbringen konnte, bei dem es primär um dieses Thema ging. Biologische Strukturen “nachzubauen” und mit ihnen bessere, umweltfreundlichere Produkte und Verfahren zu ermöglichen, ist ein spannendes Forschungsgebiet. Da die Biomimetik eine stark interdisziplinäre Thematik ist, braucht es interdisziplinäre Zusammenarbeit. Das heißt aber auch, dass man Spezialisten in der anderen Disziplin gut genug kennen muss, um sich gegenseitig zu vertrauen und sich für ein gemeinsames Forschungsprojekt begeistern zu können. Und da ist der Club einfach eine phantastische Institution. Als JSPSler hat jedes Mitglied schon mindestens einmal in Japan gelebt und geforscht. Man kennt sich von Clubtreffen, man isst und trinkt zusammen, lernt sich kennen und schätzen. Dieses Netzwerk ist nicht nur zum Schwelgen in vergangenen Japanzeiten da. Manchmal ergibt sich auch die Möglichkeit einer Zusammenarbeit.

Die Skeleton Flower (Skelettpflanze) mit weißen Blütenblättern

So bin ich vor ein paar Jahren, bildlich gesprochen, über eine seltsame Blütenpflanze gestolpert, deren kleine weißen Blütenblätter beim Benetzen mit Wasser transparent werden. Dieser Vorgang ist anscheinend weit bekannt, sodass die Pflanze Dyphellia grayii auch oft Skeleton Flower genannt wird, da man im transparenten Zustand die Aderstruktur innerhalb des Blütenblattes im Prinzip wie ein Skelett sehen kann.

Ich machte mich also daran, die Mikrostruktur der Blütenblätter im Elektronenmikroskop zu studieren, denn ‘weiß’ zu sein bedeutet, Licht zu streuen, und das passiert oft an mikrometergroßen Strukturen. Zum Beispiel ist Papier weiß, da es aus Zellulosefasern mit einigen Mikrometern Durchmesser besteht. Wenn nun Wasser in diese Strukturen eindringt, ändert sich das Brechungsverhalten des Lichtes. Es wird nicht mehr gestreut und das Material wird transparent. Uns am CIST gelang es, auch eine künstliche Struktur herzustellen, die reversibel zwischen weiß und transparent schaltbar ist.

Elektronenmikroskopische Aufnahme der mikroskopisch kleinen Oberflächenstruktur

Und da waren wir am CIST auch schon mit unserem Latein am Ende. Denn in der Forschung sucht man natürlich Generalitäten aufzuspüren. “Trial and Error” ist eine Methode. Wir suchen also zurzeit andere Pflanzen, deren Blütenblätter sich ähnlich verhalten und suchen nach dem gemeinsamen Nenner unter den Mikrostrukturen.

Auf ein solides Fundament kann man das jedoch nur stellen, wenn man sich mit Pflanzen auskennt. Verwandtschaftsbeziehungen im phylogenetischen Stammbaum und Genregulierung müssen eigentlich eine große Rolle in der Entwicklung dieser Mikrostrukturen spielen. Und da ist Thomas Berberich der Spezialist. Das Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum hat Klimakammern, in denen man die Pflanzen von der gerade draußen herrschenden Jahreszeit unabhängig blühen lassen kann. In seinem Labor gibt es eine Vielzahl von Analyseapparaten, die eine schnelle Identifizierung von Spezies und deren Genen ermöglicht, die für die stoffliche Zusammensetzung der Blütenblätter verantwortlich sind.

Nachdem die Clubmitglieder Julia Krohmer, Thomas Berberich und ich uns bei dem Clubtreffen am Senckenberg ausgetauscht hatten, und ich Thomas Berberich für eine Zusammenarbeit begeistern konnte, schrieb ich einen Kakenhi-Forschungsantrag, der dieses Jahr im Mai auch bewilligt wurde. Wir werden also für die nächsten drei Jahre für diese Kooperation vom MEXT gefördert werden. Das erste Treffen zwischen Olaf Karthaus, seinem Studenten Takumi Arakawa, Julia Krohmer und Thomas Berberich hat bereits im Mai 2019 am Senckenberg-Institut stattgefunden und wir sind zuversichtlich, dass wir zu Ende des Projektes an dieser Stelle dem Club die Frucht unserer Zusammenarbeit, unser ‘Baby’, vorstellen können.

 

RÜCKBLICK AUF EIN LEBEN ALS WISSENSCHAFTLER

Elementarteilchen, Spinpolarisation und Kulturelles – Motoren einer 50-jährigen deutsch-japanischen Zusammenarbeit (Teil 2)

von Clubmitglied Prof. Dr. Werner Meyer

Die Jahre 1984 bis 1995 können als zweite Phase der deutsch-japanischen Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Teilchenphysik bezeichnet werden, die von Horikawa-san, Herrn Althoff und mir geleitet wurde. Dem gemeinsamen physikalischen Interesse wurde damals der Name „Spin Puzzle“ gegeben. Im Mittelpunkt stand die Frage nach der Zusammensetzung des Protonenspins (1/2) aus dessen up- und down-Quark-Konstituenten. Im Jahr 1989 hatte sich Horikawa-san mit seinen Mitarbeitern der Muon Spin Collaboration (SMC) am CERN angeschlossen, während ich 1991 auf Einladung von Prof. C. Prescott der gleichen Fragestellung 15 Monate am SLAC in einer dort existierenden Kollaboration von mehreren amerikanischen Universitäten nachging. Sowohl bei den CERN- als auch bei den SLAC-Experimenten wurde NH3 als polarisiertes Targetmaterial eingesetzt. In dieser zweiten Phase der deutsch-japanischen Zusammenarbeit fand ein reger Wissenschaftleraustausch durch gegenseitige Arbeitsaufenthalte statt: K.H. Althoff, D. Menze, W. Meyer (jeweils mehrmals), W. Schwille, D. Husmann von Bonn nach Nagoya und N. Horikawa (7x), T. Nakanishi (4x), T. Iwata (2x), S.Nakamura (7 Jahre) von Nagoya nach Bonn. In diese Zeit fiel auch meine Habilitation. Hierzu wurden mir damals drei wissenschaftliche „Paten“ zugewiesen. Bei allen Gesprächen mit ihnen hatte ich das Gefühl, mich für meine Auslandsaufenthalte in der Schweiz (geografisch zu nah?) und in Japan (falsche Himmelsrichtung?) rechtfertigen zu müssen. Bei ihnen war wohl eher „America first“ angesagt. Meine Feuertaufe als Organisator bestand ich –nach der Ausrichtung eines kleineren Workshops „Polarized Target Materials and Techniques“ im Physikzentrum in Bad Honnef – bei dem alle zwei Jahre und im September 1990 in Bonn stattfindenden Internationalen Spin Symposium mit ca. 400 Teilnehmern. Der E-Mail-Verkehr war damals gerade erst am Horizont zu erahnen. Telex und vor allem die Briefpost hatten den Vorteil einer gewissen Entschleunigung, erschwerten aus heutiger Sicht allerdings die Organisation des Symposiums, da ein größerer zeitlicher Vorlauf erforderlich war. Das Symposium ermöglichte mir viele neue Kontakte – u.a. mit Prof. C. Prescott – , die ich knüpfen bzw. intensivieren konnte. Das gleiche galt für Horikawa-san und seine Mitarbeiter in Nagoya. Dort fand das Internationale Spin Symposium im November 1992 in dem gerade fertiggestellten „Toyoda Memorial Auditorium“ statt. Die Bewerbungen für die aufeinanderfolgende Ausrichtung der beiden Symposien hatten Horikawa-san, Herr Althoff und ich schon 1986 abgesprochen. Der Novembertermin 1992 war unüblich. Ich meine mich zu erinnern, dass Horikawa-san ihn letztendlich damit rechtfertigte, die Taifun-Saison vermeiden zu wollen. Der Novembertermin hatte zudem den Vorteil, dass man das Prachtspiel der einzigartigen Ahornblätterfärbung in den unnachahmlich perfekt angelegten Gärten der Tempelbereichen bewundern konnte – wenn man als Konferenzteilnehmer überhaupt Zeit und ein Auge dafür hatte. Die Devise des Gastgebers lautete wohl, Unwägbarkeiten vermeiden und stattdessen gratis ein herbstliches „Feuerwerk der Natur“ zu einem perfekt organisierten Symposium mit wissenschaftlich hervorragendem Programm bieten zu wollen.

Das Jahr 1986 war auch das Jahr, in dem mein bis dahin heimlicher Traum eines Besuchs in Japan konkrete Formen annahm. Ein dreimonatiges JSPS-Stipendium mit Horikawa-san als Gastgeber in Nagoya war genehmigt worden. Mein Japan-Virus war wieder entfacht worden und vielfältige Japan-Lektüre (u.a. die Geschichte vom „Prinzen Genji“) wurde zu einer spannenden Abendbeschäftigung. Nach einer Zwischenlandung in Karatschi (Pakistan) – Direktflüge über die frühere Sowjetunion gab es erst ab 1989 – erblickte ich am 02.06.1986 um 6:27h erstmals Japan (Kyushu) unter der morgendlich rot aufgehenden Sonne. Seit diesem Tag sind mir meine ausführlichen Reisenotizen über meine vielen folgenden Japanbesuche ein stets hilfreicher Begleiter. In Nagoya erwartete mich ein exklusiv eingerichtetes 80qm Apartment, da meine Frau mit unseren beiden schulpflichtigen Kindern zu Beginn der Sommerferien nachreisen sollte. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass ich den Mietpreis dieser Wohnung ganz in der Nähe der Universität in Motoyama wohl selbst festgelegt habe. Horikawa-san fragte mich nämlich im Herbst 1985 – im Auftrag eines Freundes von ihm – nach dem Mietpreis einer möblierten Wohnung für 4 Personen in Bonn an. Mit meiner Antwort, die er offensichtlich auch der Miete in Japan zugrunde legte, ergab sich der Mietpreis für unsere Wohnung in Motoyama. Wir hatten Glück: Für die gezahlte Miete hätten wir in dieser Lage unter Normalbedingungen wohl nie eine Wohnung bekommen.

Am 13.06.1986 hatte ich die Gelegenheit, die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag des Neustarts der physikalischen Fakultät nach Ende des 2.Weltkriegs mitzuerleben. Prof. S. Sakata führte damals mit der „Charter of Physics Department“ demokratische Regeln ein. Bis dahin war es wohl üblich, dass das Institut von einer Person geleitet wurde. Meine Sangeskunst musste ich spät abends zum Ausklang des sehr geselligen Zusammenseins unter Beweis stellen. Das tat ich u.a. mit dem Lied „Sah ein Knab ein Röslein steh´n …“, das von sehr vielen Festteilnehmern textsicher mitgesungen wurde. Aber da war noch Entscheidendes mehr: Das Sakata-Modell kam mir in den Sinn, denn ich erinnerte mich an die Teilchenphysik-Vorlesung während meines späteren Studiums, als Quark-Teilchen noch als „mathematische“ Konstrukte erwähnt wurden.

In Japan war Prof. S. Sakata in den 50er und 60er Jahren der führende Elementarteilchentheoretiker. Er war ein Schüler von Prof. H. Yukawa und entwickelte 1956 das Sakata-Modell bestehend aus dem Proton-, Neutron- und Lambda-Teilchen. Dieses Modell gilt noch heute als tragfähiger Vorbote für das später entwickelte Quark-Modell und den „eightful way“ (als Anspielung auf den achtfachen Weg im Buddhismus). Schüler von Prof. Sakata waren Prof. T. Maskawa (ein Klassenkamerad im Doktorandenkurs von Horikawa-san) und Prof. M. Kobayashi. Beide erhielten 2008 den Physiknobelpreis für die Entwicklung der sog. Kobayashi-Maskawa-Matrix. Die auch als Quark-Mischungsmatrix bekannte mathematische Matrix basierte u.a. auf der Vorhersage von zwei weiteren Quarks (3. Quarkfamilie), die zu diesem Zeitpunkt experimentell noch nicht nachgewiesen werden konnten. Die Nagoya Universität – ursprünglich 1876 und 1939 durch den Zusammenschluss einiger Institutionen als letzte (neunte) kaiserliche Fakultät gegründet – gehört seit jeher nicht zuletzt wegen vier weiteren Nobelpreisträgern im letzten Jahrzehnt (zwei in Physik und zwei im Fach Chemie) zu den renommiertesten japanischen Universitäten.

Ich war also an einer der besten Universitäten Japans angekommen. Sehr bald startete ich eine Vortragsreise nach Kyoto, wo mich Prof. Masaike erwartete. Weiter ging es nach Hiroshima. Im Norden auf Honshu führte mich mein Weg über den Besuch am Institut für Nuklear Studien (INS) in Tokyo zum Hochenergie-Physik Forschungsinstitut (KEK) in Tsukuba. Dort hatte Masaike-san nach seiner Rückkehr 1973 aus Bonn den Bau eines polarisierten Targets initiiert, das später von Dr. Ishimoto federführend betreut wurde. Weiter ging es zur Tohoku-Universität nach Sendai. Dort war ein 300MeV-Beschleuniger in Betrieb. Eine bessere Vernetzung als ich sie aus Bonn kannte war bei den japanischen Kollegen augenscheinlich. Im Labor in Nagoya war der schon erwähnte He3/He4-Mischkryostat im Einsatz. Das Studium des fundamentalen Prozesses der polarisierten Fusion und dessen Realisierung mit Hilfe polarisierbarer Targets in Folienform standen im Vordergrund. Die gute Zusammenarbeit mit den Masterstudenten und Doktoranden, die häufig im Labor in Schlafsäcke gehüllt ihre Nachtruhe suchten, war ähnlich der in Bonn. In demselben Großlabor konnte ich die von Nakanishi-san aufgebaute polarisierte Elektronenquelle besichtigen, die im Moment allerdings verwaist war. Er befand sich zur gleichen Zeit als AvH-Stipendiat für 18 Monate in Bonn und arbeitete von meinem dortigen Büro aus vorwiegend an der Bonner polarisierten Elektronenquelle. Meine Arbeit an seinem Schreibtisch in Nagoya wurde zur Mittagszeit häufig durch ein freundliches Klopfen am Fenster unterbrochen. Es standen wohltuende Pausen durch die Aufforderung „Meyer-san, Ping-Pong time“ an. Das Tischtennistraining – auch mit Horikawa-sensei – in der direkt angrenzenden Baracke mündete nach Wochen in die Ermittlung der Tischtennismeisterin bzw. des Tischtennismeisters. Die von mir dann später gestifteten „Meyer-Pokale“ werden heute noch jährlich – allerdings nach den Jahren der vielen Nobelpreise für die Naturwissenschaften in einer moderneren Örtlichkeit als der ehemaligen Baracke – ausgespielt.

Meine Frau besuchte regelmäßig den in der Mittagszeit im Institut angebotenen Ikebana-Kurs. Währenddessen wurden unsere Kinder vom Techniker Okumi-san die Grundzüge des Baseballspiels beigebracht. Nachmittags konnte meine Frau mit den Kindern häufig der sommerlichen Schwüle im nahegelegenen Higashiyama-Zoo entfliehen. Ihr Traum von einem eleganten Kimono erfüllte sich nicht; es blieb leider nur bei einer Anprobe (siehe Bild).

Eines Tages wurde es bei einem Spaziergang in der Nähe des Nagoya-Schlosses für unsere Begriffe „sehr japanisch“. In Yukata gekleidete schwergewichtige Männer mit Pferdeschwanz-Frisur zogen im Straßenbild unsere erstaunte Aufmerksamkeit auf sich. Es handelte sich um sog. Sumo-Kämpfer. Meine Frau wurde nach zweimaligem Besuch von Sumo-Turnieren ein glühender Anhänger dieser wohl traditionellsten japanischen Sportart. Chiyonofuji hieß der damalige unumstrittene 58. Yokuzuna-Meister der in knappem Seidenschurz kämpfenden Rikishi-Schar. Heutzutage kennt die Sumo-Szene auch mongolische, russische und hawaiianische Stars. In Zeiten der Globalisierung nicht weiter verwunderlich.

Ausflug der Familien Meyer und Horikawa nach Okuhida-Onsen

An den Wochenenden standen Reisen auf dem Freizeitprogramm. Diese stellten uns ohne Schilderbeschriftung in englischer Sprache und zudem in einer „handylosen“ Zeit ohne flächendeckende private Navigationssysteme vor eine große Herausforderung. Da wir keine japanischen Sprach- und Lesekenntnisse hatten, waren die Skizzen und Beschreibungen von Horikawa-san sowie die absolute Pünktlichkeit des japanischen Schienen- und Busverkehrs für uns die Garantie für eine erfolgreiche Heimkehr in unsere Übergangswohnung nahe der Universität. Abends wurde durch einen höflichen Telefonanruf meiner japanischen Kollegen regelmäßig überprüft, dass wir den Weg zurück gefunden hatten.

Ohne uns von Hochhäusern, Schnellstraßen und Shinkansen-Trassen irritieren zu lassen, konnten wir auch das traditionelle Japan auf dem Land kennenlernen, zunächst bei Ausflügen mit Horikawa-san und später in Eigenregie mit einem Mietwagen. Voraussetzung für die Anmietung eines Wagens war allerdings ein japanischer Führerschein, den ich bald nach einigen Papierformalitäten und nach Hör-, Seh- und Farbtests – was hätte ich auch sonst erfolgreich beitragen können? – unter dem Beifall vieler geduldig wartender Teenager ausgehändigt bekam (Gültigkeit ab Showa 61 = 1986 für drei Jahre). Unvergesslich war unser Ausflug mit der Familie Horikawa in die japanischen Alpen zum Mount Hotaka. Die Fahrt führte uns über das Kiso Tal und die Norikura Skyline mit einer Passhöhe von 2700m zu in einem buddhistischen Tempel, in dem wir übernachteten. Abends besuchten wir in Yukatas gekleidet ein örtliches „Drachenfest“, bevor wir am nächsten Tag den Hotaka-Berggipfel (3170 m) zunächst mit einer Seilbahn und dann zu Fuß, u.a. mit Stativ bewaffnet, bestiegen. Nach einer in einem Flussbett selbstgeformten heißen Badestelle wie auf dem nachfolgenden Foto hieß es: „Achtung vor Rotenburu bzw. Onsen!“:

Es reicht, nur eines dieser in einer phantastischen Landschaft gelegenen heißen Bäder auszuprobieren, um zu wissen: Onsen macht süchtig! Bevor ich weiter ins Schwärmen für diese „japanischen Wellness-Oasen“ gerate, möchte ich zurück zur Physik kommen.

In Bonn war seit 1988 der erweiterte 3.5GeV-Elektonen-Stretcher Ring (ELSA) in Betrieb. Um die ausfliegenden Teilchen im kompletten Raumwinkel (4pi) zu erfassen, wurden die Detektoren fassförmig dicht um das Target angeordnet. Wie aber ein polarisiertes Festkörpertarget betreiben, das üblicherweise einen großen Magneten für die Polarisation in unmittelbarer Nähe des Targets benötigt? Abhilfe konnte die damals schon bekannte Technik eines sog. „Frozen-Spin Targets“ schaffen.

Frozen-Spin polarisierte Targets: Bei den tiefsten Temperaturen (kleiner als 0.07 0K) ist der durch ein hohes Magnetfeld („Polarisationsfeld“) erzielte Polarisationsgrad der Nukleonen auch bei wesentlich kleinerem sogenannten „Haltefeld“ (üblicherweise 0.4–0.5T) genügend stabil. Man kann also bei diesem Zusammenspiel von Temperatur und Magnetfeld den Spin der Nukleonen (Polarisation) einfrieren. Neu war die von mir verfolgte Idee, die bisher auch für das Haltefeld benutzten voluminösen Magnetspulen durch kleine in die Kryostaten integrierte, supraleitende und damit ca.1mm dünnen Magnetspulen zu ersetzten. Fazit: Für das Experiment ist kein großer platzraubender Magnet erforderlich. Ein polarisiertes Festkörpertarget kann in sog. 4π-Detektoren eingesetzt und betrieben werden.

Nach jahrelangen Vorarbeiten und Erprobungen wurde meine Idee praxistauglich. Ein Frozen-Spin-Target wurde zunächst 1992 in Bonn und nach einem Transport zum CERN am dortigen Antiprotonen-Beschleuniger LEAR (Low Energy Antiproton Ring) von meiner Gruppe im Rahmen einer internationalen Kollaboration unter der Leitung von Prof. Dr. K. Kilian (Forschungszentrum Jülich) eingebaut, betrieben und überwacht.

Am Physikalischen Institut in Nagoya stand nach der Pensionierung von Prof. S. Fukui eine Umstrukturierung an. Für dessen Nachfolge wurden in Bonn vergleichende Gutachten für die Bewerber Horikawa-san und Nakanishi-san angefordert. Es entzieht sich meiner Kenntnis, in wieweit eine „salomonische“ Beurteilung von Herrn Prof. Althoff zur Ernennung beider Kandidaten zum „Full-Professor“ beigetragen hat. Der jüngere Kandidat Nakanishi-san wurde Nachfolger von Prof. Fukui und Horikawa-san wurde Leiter des neugeschaffenen „Center for Integrated Research in Science and Engineering” (CIRSE). Ich betrachtete das CIRSE als eine Art Vorreiter für die mittlerweile auch in Deutschland intensivierte fachübergreifende Vernetzung. Nach meinen Bewerbungen auf eine Professorenstelle hatte ich nach meiner Rückkehr vom SLAC glücklicherweise die Qual der Wahl, da ich im März 1995 in der komfortablen Situation war, zwischen den „Rufen“ an die Ruhr-Universität Bochum und an die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz auswählen zu dürfen. Den Ausschlag, die „jüngere“ Campus-Universität Bochum vorzuziehen, sah ich in der dort modern strukturierten Fakultät. Die für mich wichtige Eigenständigkeit sah ich dort für mich eher gegeben.
(Fortsetzung im nächsten NvC)

 

AUSZEICHNUNGEN FÜR MITGLIEDER DES JSPS-CLUBS

Die Verleihung des JSPS Alumni Club Award 2019

von Vorstandsmitglied Dr. Wolfgang Staguhn

Preisverleihung an Prof. Dr. Peter Hennicke am 24. Mai 2019 in Wien

Mit dem JSPS Alumni Club Award (kurz JACA) zeichnet die Deutsche Gesellschaft der JSPS Stipendiaten e.V. (JSPS Club) jährlich individuell betriebene wissenschaftliche Netzwerke zwischen Deutschland und Japan aus. Der Preisträger des JACA 2019 ist Professor Peter Hennicke. Mit diesem Preis ehrt der JSPS Club seine Initiative und Führungsrolle im Gründungskonsortium des German Japan Energy Transition Council (GJETC). Seit 2016 arbeitet das GJTEC mit hochrangigen Energieexperten zusammen, die von METI in Japan und von Stiftungen sowie Ministerien in Deutschland unterstützt werden. Mit Informationsveranstaltungen, öffentlichen Anhörungen, umfangreichen Publikationen und Masterarbeiten junger Forscher verbreitet das GJETC seine Ergebnisse in Deutschland und Japan (GJETC.org). Es präsentiert ausführliche Empfehlungen zur Unterstützung der Energiewende und der Energieeffizienz in beiden Ländern. Das grundlegende Ziel des Pariser Übereinkommens der Vereinten Nationen (2015) ist, dass die globale Erderwärmung „deutlich unter“ 2 Grad Celsius bleibt. Der GJETC unterstreicht die Verantwortung Japans und Deutschlands als hochentwickelte und reiche Länder, eine Führungsrolle zu übernehmen, indem sie die Treibhausgasemissionen bis 2050 um mindestens 80% senken und kontinuierlich eine CO2-Neutralität anstreben.

Prof. Dr. Hennicke ist ein Pionier auf dem Gebiet der Energiewende und Energieeffizienz mit einer Erfahrung von über 30 Jahren. Bis heute engagiert er sich für die sozial-ökologische Transformation des Energiesystems in Deutschland und anderen Ländern, insbesondere in Japan. Als Volkswirt beschäftigt er sich intensiv mit den Kostenvorteilen durch Energieeinsparungen und der wirtschaftlichen Machbarkeit einer vollständigen Energieversorgung durch erneuerbare Energiequellen. Mit seiner Arbeit und Erfahrung zählt er zu den profiliertesten Experten der Energiewende. (Mehr unter https://www.jsps-club.de/preise/jsps-alumni-club-award/2019/).

 

Eugen und Ilse Seibold-Preis 2019 für Clubmitglied Prof. Dr. Harald Baum

Mit dem Eugen und Ilse Seibold-Preis werden japanische und deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausgezeichnet, die in besonderer Weise zum Verständnis des jeweils anderen Landes beigetragen haben. Der mit etwa 10.000 Euro dotierte Preis wird alle zwei Jahre jeweils an einen deutschen und einen japanischen Wissenschaftler verliehen. Die Preise werden für besondere Leistungen auf allen Wissenschaftsgebieten vergeben, jedoch im Turnus wechselnd zwischen den Geistes- und Sozialwissenschaften auf der einen und den Naturwissenschaften, einschließlich Biowissenschaften und Medizin auf der anderen Seite. Seit 2008 besitzt der JSPS-Club Vorschlagsrecht.

Der Eugen und Ilse Seibold-Preis 2019 der DFG geht an Prof. Dr. Kōichirō Agata von der Waseda University und Prof. Dr. Harald Baum vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht, Hamburg. Die Deutsche Gesellschaft der JSPS-Stipendiaten e.V. gratuliert beiden Preisträgern ganz herzlich. Gleichzeitig freuen wir uns, dass mit Professor Harald Baum wieder ein Mitglied aus den Reihen unserer Alumni-Gesellschaft der JSPS-Stipendiaten mit dem Seibold-Preis 2019 ausgezeichnet wird. Bei den Naturwissenschaften war der Preis im Jahre 2017 an das Clubmitglied Prof. Dr. Thomas Bock vergeben worden. In der Begründung für die diesjährige Auszeichnung nennt die DFG das jahrelange erfolgreiche Engagement der beiden Preisträger, das zum deutsch-japanischen Wissenschaftsaustausch ebenso wie zu einem kulturellen Austausch beigetragen hat. Die Jury des Eugen und Ilse Seibold-Preises hat die Entscheidung in ihrer Sitzung im Mai 2019 mitgeteilt.

 

APVIA Award 2019 Academic Contribution für Dr. Arnulf Jäger-Waldau

Verleihung des APVIA Awards (Academic Contribution) an Vorstandsmitglied Dr. Arnulf Jäger-Waldau

Die Asian Photovoltaic Industry Association (APVIA) vergibt seit 2013 jährlich Preise in fünf Kategorien an Individuen und Organisationen, die einen herausragenden Beitrag zur Weiterentwicklung der Photovoltaik geleistet haben. Der Fokus des Preises ist die asiatisch-pazifische Region, aber der Preis ist nicht auf Personen aus dieser Region beschränkt. Vergeben werden Preise in den fünf Kategorien Industrie, Technologie, Forschung, Finanzierung und Anwendung.

Der diesjährige Preisträger in der Kategorie Forschung ist das JSPS-Club Vorstandsmitglied Dr. Arnulf Jäger-Waldau. Geehrt werden in dieser Kategorie besonders Einzelforscher und Teams an Universitäten und Forschungsinstituten, die zur Weiterentwicklung der Forschung im Bereich der Photovoltaik Hervorragendes leisten. Wichtig ist hierbei auch die Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern in diesem Bereich durch die geehrten Forscher bzw. Institute.


 

PUBLIKATIONEN VON CLUB-MITGLIEDERN

Die im Folgenden vorgestellte Festschrift ist Ingrid Fritsch gewidmet, die nicht nur schon seit vielen Jahren Mitglied im JSPS-Club ist, sondern auch mehrere Jahre im Vorstand tätig war, wo sie das heute Mitgliederwerbung und -betreuung genannte Ressort innehatte. Sie ist als Japanologin insbesondere an der Universität zu Köln tätig gewesen, wo sie das Arbeitsgebiet Musikwissenschaften abgedeckt hat. Aus ihrer Feder stammen verschiedene Veröffentlichungen zur japanischen Musik und zu den deutsch-japanischen Beziehungen auf dem Gebiet der Musik. Sie war es auch, die dem Club die Verbindung zu den Chindonya verschafft hat, die schon zweimal bei gemeinsamen Symposien des Clubs in Japan das kulturelle bzw. musikalische Rahmenprogramm bestritten haben. Der Vorstand bedankt sich nochmals sehr herzlich für ihre Mitarbeit im Club und wünscht weitere zahlreiche Jahre intensiver wissenschaftlicher Beschäftigung mit Japan (Prof. Dr. Heinrich Menkhaus im Namen des JSPS-Clubvorstands).

Stephan Köhn und Chantal Weber
Outcasts in Japans Vormoderne: Mechanismen der Segregation in der Edo-Zeit
(Festschrift für Ingrid Fritsch)
Wiesbaden: Harrassowitz, 2019
328 Seiten, ISBN: 978-3-447-11167-6

Für gewöhnlich wird die Edo-Zeit (1603–1868) als eine stark hierarchisch gegliederte Gesellschaft beschrieben. Die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe war hierbei qua Geburt vorbestimmt, und die Kontrolle über die sogenannten vier Stände – Samurai, Bauern, Handwerker und Händler (shi nō kō shō) – oblag ausschließlich der Shōgunatsregierung.

Der vorliegende Band zeigt in 13 Beiträgen zuzüglich einer thematischen Einführung, dass die edozeitliche Gesellschaft in Wahrheit alles andere als ein statisches Konstrukt war. Mit der Perspektivierung auf die Gruppe der „Outcasts“ eröffnet der Band eine ganz neue Sichtweise auf die tatsächliche Verfasstheit der edo-zeitlichen Gesellschaftsordnung. Im Fokus stehen marginalisierte Gruppen, die aus unterschiedlichen Gründen aus der Normgesellschaft ausgeschlossen waren, sowie ihre inneren Organisationsstrukturen und die Mechanismen ihrer Segregation. Neben den hinin und eta als wohl bekannteste Outcast-Gruppen der japanischen Gesellschaft werden Prostituierte, Schauspieler, blinde Sänger sowie Bergleute, Gefangene und Wohnsitzlose in die wissenschaftliche Gesamt-schau einbezogen. Zusätzlich lassen Repräsentationen der Outcasts auf Karten, Bildern, Theaterbühnen und schließlich auch auf Fotografien der Meiji-Zeit (1868–1912) deutlich werden, dass Outcasts keinesfalls, wie oft behauptet, eine ignorierte oder stigmatisierte Minderheit waren.

Malte Härtig und Jule Felice Frommelt
Von Zen und Sellerie
Aarau/München: atVerlag, 2019
208 Seiten, ISBN: 978-3-03800-052-5

In diesem Kochbuch geht es um die Schönheit des Gemüses und die Wertschätzung gegenüber den Dingen, von denen wir uns täglich ernähren. Die japanische Art zu kochen ist geprägt von der Überzeugung, dass jedes Ding seinen Wert hat und alle Dinge unvergleichlich sind. Dies bestimmt auch den Charakter der Gerichte. In diesem Kochbuch werden hiesige Gemüse und Früchte, Reis und andere Getreide mit japanischen Zutaten wie Miso, Sojasauce, Sake, dem Süßwein Mirin oder Dashi-Fond kombiniert und mit japanischen Kochtechniken zubereitet, etwa als Tempura, fermentiert oder auf japanische Art gegrillt. Die Gemüse- und Getreidegerichte, die so entstehen, schlagen eine Brücke zwischen Ost und West. Sie sind einfach und leicht, nähren Leib und Seele und eröffnen einen neuen Blick auf das Kochen und unseren Umgang mit Lebensmitteln. Begleitende Texte beleuchten die kulturellen Hintergründe, erzählen unterhaltsame Geschichten aus dem Land der aufgehenden Sonne. Eine Reise in die japanische Esskultur und gleichzeitig in unsere eigene.

 

Repräsentation des Clubs auf externen Veranstaltungen

  • 16.04.2019: Empfang in der deutschen Botschaft in Tokyo anlässlich des Japanbesuchs aus dem BMBF | Prof. Dr. Heinrich Menkhaus

  • 19./20.04.2019: Verbandstagung der Japanisch-Deutschen Gesellschaften in Niigata | Prof. Dr. Heinrich Menkhaus

  • 22.04.2019: European Research Nights 2019 in Tokyo | Prof. Dr. Heinrich Menkhaus und Dr. Wolfgang Staguhn

  • 10.05.2019: Vorstellung des JSPS-Clubs bei JSPS Summer Program Orientation in Bonn | Sabine Ganter-Richter

  • 15.05.2019: Teilnahme an Symposium und Mitgliederversammlung des Deutsch-Japa­nischen Wirtschaftskreis in Nürnberg | Sabine Ganter-Richter

  • 30.05.2019: Nippon Connection Frankfurt, Japanisches Filmfestival, Stand des JSPS-Club (Informationen über JSPS-Programme und den Club) | Dr. Matthias Hofmann

  • 12.06.2019: Verabschiedung von Wissen-schaftsattaché Höllein, Deutsche Botschaft Tokyo | Prof. Dr. Heinrich Menkhaus

  • 14.06.2019: Vorstellung des JSPS-Clubs bei Kaitoku Meeting, Treffen japanischer JSPS Stipendiaten in Bonn | Sabine Ganter-Richter

 

Neue Clubmitglieder

  • Dr. Malte Härtig
    Selbstständiger Koch und Philosoph
    University of Human Environment Okazaki 2009*

  • Fabienne Hofer
    Osaka University
    Waseda University 2012
    Osaka University 2018

  • Kristýna Kantnerová
    ETH Zürich
    Tokyo Institute of Technology 2019*

  • Dr. Thomas Spallek
  • Universität Hohenheim
    RIKEN Plant Science Center 2012*

  • Dr. Ronald Ulbricht
    MPI für Polymerforschung
    Hokkaido University 2013*

* von JSPS/STA geförderter Forschungsaufenthalt in Japan

 

Verstorbene Mitglieder

Der JSPS-Club trauert um das langjährige Mitglied Professor Dr. Dr. Hans Hillenbrand.

Am 22. April 2019, kurz vor seinem 80-jährigen Geburtstag am 30. April, ist Professor Dr. Dr. Hillenbrand ganz plötzlich und unerwartet verstorben.

Professor Dr. Dr. Hillenbrand kam 1974 bis 1979 sowie 1983 bis 1987 mit seiner Familie nach Japan. Als Wissenschaftler der Didaktik der Geographie lehrte er Deutsch für japanische Studenten der Geographie an der Chuo-Universität in Tokyo. 1987 habilitierte er sich zum Thema „Das Deutschlandbild in den Geographiebüchern und im Geographieunterricht Japans“.

Aufgrund seiner Bemühungen wurde u.a. eine Partnerschaft zwischen der Chuo-Universität in Tokyo und der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg begründet. An der Universität Augsburg arbeitete er als spezialisierter Geographie-Didaktiker mit dem Studienschwerpunkt „Wirtschaft und Gesellschaft Japans“.

JSPS hat Professor Dr. Dr. Hillenbrand oft zu mehrmonatigen Forschungsaufenthalten nach Japan eingeladen. Er berichtete über Umweltprobleme, Umwelterziehung, Technopolis- und Verkehrsfragen sowie über die Stadtplanung Tokyos. Sein besonderes Augenmerk galt der Medienerziehung an allgemeinbildenden Schulen und Universitäten.

Mit ihm verabschieden wir einen seit Jahren mit Japan vertrauten Wissenschaftler, der in den Bereichen der japanischen Geographie, Technologie und Kultur beheimatet war.

Wir werden das verstorbene Mitglieder als For-scher und als engagierte Mitwirkende am wissenschaftlichen Austausch mit Japan stets ein würdiges Andenken bewahren. Unser Mitgefühl gilt besonders ihren engsten Angehörigen.

 

Termine

  • 07.10.2019: 8. Club-Treffen in Japan, Tokyo

  • 01. + 02.11.2019: Mitglieder laden Mitglieder ein, Lübeck, Organisation Prof. Dr. Rüdiger Reischuk

  • 02.11.2019: 11. Junior Forum, Lübeck

Wenn Sie Beiträge zu Veranstaltungen, Publikationen etc. im Newsletter veröffentlichen möchten, wenden Sie sich bitte an Prof. Dr. Anke Scherer. Wir freuen uns auf Ihre Beiträge!

 

Impressum

Herausgeber:
Deutsche Gesellschaft der JSPS-Stipendiaten e.V.
Redaktion: Prof. Dr. Anke Scherer
Mitarbeit: Jutta Schulze
Verantwortlich:
Deutsche Gesellschaft der JSPS-Stipendiaten e.V.
c/o JSPS Bonn Office, Ahrstr. 58, 53175 Bonn
Tel.: 0228/375050, Fax: 0228/957777
E-mail

Die in den Beiträgen geäußerten Ansichten geben nicht
unbedingt die Meinung des Herausgebers wieder.

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