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Neues vom JSPS Club 01/2019

 

EDITORIAL

Protektionismus in der Wissenschaft

Von Prof. Dr. Heinrich Menkhaus, Vorsitzender und Landesbeauftragter Japan

Allenthalben ist davon die Rede, dass die Erde ins Zeitalter des Protektionismus zurückgefallen sei, und dass das gravierende Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt haben werde. Anlässlich des Besuches der Bundeskanzlerin in Japan im Februar des Jahres wurde deshalb zwischen den beiden auf den Freihandel ausgerichteten Volkswirtschaften Japan und Deutschland ein Schulterschluss gesucht. Gesprochen wird allerdings zumeist vom grenzüberschreitenden Warenhandel. Wenig diskutiert wird die Wirkung des Protektionismus auf die Wissenschaft.

Doch das japanische Ministerium für Wirtschaft und Industrie hat vor kurzem an die Professorenschaft des Landes ein Faltblatt verteilen lassen, in dem nachdrücklich darauf hingewiesen wird, dass auch der Export bestimmter wissenschaftlicher Erkenntnisse dem Genehmigungsvorbehalt nach dem Außenwirtschaftsrecht unterliegt und eine Zuwiderhandlung strafbewehrt ist. Dies zeigt, dass Protektionismus auch im Bereich von Wissenschaft anzutreffen ist. Es zeigt weiter, dass es Wissenschaftsprotektionismus auch in Staaten gibt, die eigentlich für offene Grenzen eintreten. Es zeigt schließlich, dass es für protektionistische Verhaltensweisen gute Gründe gibt.

Japan will aber offenbar noch einen Schritt weitergehen. Der japanische Nobelpreisträger Nojiri Ryōji warnt in einem Artikel in der Morgenausgabe der Tageszeitung Nikkei vom 15.10.2018, Seite 9, vor den Folgen des Abfließens japanischer Forschungsergebnisse durch die Veröffentlichung in ausländischen wissenschaftlichen Zeitschriften, ohne freilich anzukündigen, wie das unterbunden werden soll. Natürlich hat Japan insoweit einen natürlichen Vorteil, weil seine Sprache und Schrift nur von wenigen beherrscht werden. Aber ist das in Japan „hikikomori“ genannte Sichzurückziehen hier wirklich förderlich für Japan und könnte eine derartige Maßnahme nicht viel mehr „nach hinten losgehen“?

 

IN EIGENER SACHE

Mitgliedsbeiträge

von Dr. Arnulf Jäger-Waldau, Schatzmeister des JSPS-Clubs

Liebe Mitglieder, der Club hat nun über 400 Mitglieder und die Verwaltung der Mitgliedsbeiträge wird immer aufwändiger. Ein Grund dafür ist, dass nicht alle von Ihnen eine Einzugsermächtigung erteilt haben, und ich erhebliche Zeit mit der Nachverfolgung der Zahlungen zubringe. Daher meine Bitte an alle Mitglieder, die noch keine Einzugsermächtigung erteilt haben, dies doch zu tun.

Da ich am Anfang des Jahres die Lastschriften erstelle, kann es vorkommen, dass später erteilte Einzugsermächtigungen erst im folgenden Jahr von mir genutzt werden. Bitte haben Sie dafür Verständnis.

Der Mitgliedsbeitrag wurde zum Vereinsjahr 2017 geändert und beträgt seither:
• € 60 für natürliche Mitglieder
• € 250 für institutionelle Mitglieder

Ich erhalte immer noch Überweisungen mit den alten Beiträgen und bitte Sie deshalb, ggf. die Daueraufträge zu korrigieren und Ihre Überweisungen anzupassen.

Vielen Dank für Ihre Mitarbeit!

 

VERANSTALTUNGSBERICHTE

Jahres- und Mitgliederversammlung der Deutschen Gesellschaft der Humboldtianer, 26./27.Oktober 2018, Jena

von Vorstandsmitglied Dr. Anton Kraus

Dr. Anton Kraus vertrat unseren Club bei der Jahres- und Mitgliederversammlung unseres Mitglieds Deutsche Gesellschaft der Humboldtianer e.V. (DGH) in Jena, die in den Dornburger Schlössern und in den Rosensälen der Friedrich-Schiller-Universität (FSU) Jena stattfand. Die Geschichte der Universität mit der ‚Gruppe 94‘ von Goethe, den Humboldt Brüdern und Schiller, der industriellen Geschichte mit Zeiss und Schott bis zur heutigen Forschung an der FSU Jena unterlegten die Wahl des Veranstaltungsortes. Heute sind alle deutschen Forschungsgesellschaften in Jena vertreten: Max-Planck, Helmholtz, Fraunhofer, Leibniz, u.a. Neu an der FSU Jena sind eine Professur für Menschheitsgeschichte und die Jena School for Microbial Communication (JSMC). Der Anteil ausländischer Studenten beträgt 17%. Die DGH ist in Jena mit einer Regionalgruppe besonders stark vertreten.

Highlight der Auftaktveranstaltung war eine Podiumsdiskussion, moderiert von einem MDR-Journalisten über das Thema „Die Vermessung von Körper, Geist und Welt. Verstehen wir heute mehr?“. Die Diskussion rückte die Forderung nach mehr Wissenschaftskommunikation im Allgemeinen und speziell für Humboldtianer in den Mittelpunkt.

Die Mitgliederversammlung verabschiedete einstimmig die Satzungsänderungen zur Begrenzung der Amtszeit des Vorsitzenden auf vier Amtsperioden und die Genderisierung von Teilen des Satzungstextes. Der Vorstand mit dem Vorsitzenden Prof. Cleemann, Schatzmeister Prof. Koepf sowie den Beisitzern Prof. Gebauer und Frau Prof. Bogner wurde einstimmig wiedergewählt. Besonders hervorgehoben wurden in der Aussprache die Zusammenarbeit mit der AvH-Stiftung und die Funktion der regionalen Gruppen, darunter die zwei neuen Regionalgruppen in Braunschweig/Magdeburg und Rhein-Main.

Die nächste Jahrestagung ist im Zeichen des Alexander von Humboldt Jubiläumsjahrs in Halle/Leipzig geplant.

 

Gemeinsames Symposium der RWTH Aachen und der Universität Osaka zu „Selektivität in der Chemo- und Biokatalyse“

von Clubmitglied Dr. Thomas P. Spaniol, Institut für Anorganische Chemie der RWTH

Der Tagungsort (Foto: Peter Winandy)

Im November 2018 trafen sich über 100 Wissenschaftler in Aachen zu einem gemeinsamen Symposium der RWTH Aachen und der Universität Osaka im Rahmen des Internationalen Graduiertenkollegs „Selektivität in der Chemo- und Biokatalyse (SeleCa)“. Das Treffen bildete den abschließenden Höhepunkt der fast zehnjährigen Zusammenarbeit. Insgesamt 19 Forschungsgruppen beider Hochschulen sowie zwei assoziierte Gruppen des Forschungszentrums Jülich beschäftigten sich mit Fragen zur nachhaltigen Stoffumwandlung aus Chemie, Biologie und Biotechnologie. Fundamentale Aspekte der Katalyse wurden sowohl aus chemischer als auch aus biologischer Sicht untersucht; denn sich global verändernde Randbedingungen und die bevorstehende Umstellung der Rohstoffbasis machen grundlegend verbesserte Katalysatoren für selektive Umwandlungen erforderlich. Ziel des Internationalen Graduiertenkollegs „SeleCa“ ist dabei die Entwicklung effizienter und selektiver homogenkatalytischer Prozesse für spätere Anwendungen in der nachhaltigen Produktion chemischer Zwischenstufen und Produkte.

Im Rahmen des Symposiums wies Rektor Ulrich Rüdiger die Gäste auf die Bedeutung des Programms für die Internationalisierung der RWTH hin. Der japanische Generalkonsul in Düsseldorf, Masato Iso, sowie Katsuyoshi Kondō von der Universität Osaka betonten die Bedeutung dieser transnationalen Forschungskooperation für die langfristige Zusammenarbeit und den interkulturellen Austausch beider Länder. Weiterhin stellten sie heraus, dass sich Herausforderungen wie die nachhaltige Herstellung von Chemikalien vor dem Hintergrund einer Umstellung fossiler auf erneuerbare Rohstoffe in der heutigen Zeit nicht mehr im nationalen Alleingang lösen ließen. Von Seiten der DFG als Förderorganisation gab Sebastian Granderath einen Rückblick, Masahiko Hayashi von der Japan Society for the Promotion of Science (JSPS) stellte neue Möglichkeiten zur Unterstützung des wissenschaftlichen Austauschs mit Japan vor. Über das japanische Pendant zum IRTG SeleCa, dem Japanese German Graduate Externship (JGGE) Programm, berichtete dessen Koordinator Kazushi Mashima.

Unter den Gastrednern befanden sich der Chemie-Nobelpreisträger Richard R. Schrock vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) sowie Manfred T. Reetz vom Max Planck Institut (MPI) für Kohlenforschung, die das Graduiertenkolleg über die Jahre hinweg wissenschaftlich begleitet haben. Während Schrock über effiziente Synthesen hoch funktionalisierter Moleküle mithilfe der von ihm mitentwickelten Olefin-Metathese berichtete, referierte Reetz über den Fortschritt bei der gelenkten Evolution von Enzymen für selektive Transformationen. Dieses Arbeitsgebiet stellt auch im Graduiertenkolleg einen thematischen Schwerpunkt mit Arbeiten zu Biohybridkatalysatoren dar und rückte mit der Verleihung des Chemie-Nobelpreises 2018 an Frances H. Arnold in den Blickpunkt aktuellen Interesses. Die Forschungsergebnisse des Graduiertenkollegs auf dem Gebiet der molekularen Katalyse, der Enzym- und Biotechnologie stellten die Wissenschaftler in bisher insgesamt mehr als 40 Dissertationen und über 200 Veröffentlichungen in internationalen Fachzeitschriften vor.

Die Koordinatoren, Jun Okuda und Kazushi Mashima, stellten den Austausch heraus, der trotz mehrfacher Naturkatastrophen in Japan nicht beeinträchtigt wurde. Nach erfolgreicher Beendigung des Förderprogramms im März 2019 werden einige in diesem Kooperationsprojekt angestoßene Forschungsvorhaben fortgeführt. Weitere Informationen zum Programm finden Sie unter www.seleca.rwth-aachen.de.

 

Nobel Prize Dialogue Tokyo, 17. März 2019, Yokohama

Von Prof. Dr. Heinrich Menkhaus, Vorsitzender und Landesbeauftragter Japan

Die Veranstaltung Nobel Prize Dialogue gibt nicht nur Wissenschaftlern selbst, sondern allen Personen Gelegenheit, Nobelpreisträgern zuzuhören, die sich zu einem gemeinsamen Thema in unterschiedlichen Formen – Vortrag, Diskussionsrunde, Interview – äußern, und mit ihnen auch direkt ins Gespräch zu kommen, entweder bei einer Plenumsdiskussion oder beim Essen. Das Format ist offenbar in Schweden entwickelt worden, wird aber seit einigen Jahren auch im Ausland verwirklicht. In Japan wurde der Dialog erstmals im Jahre 2015 durchgeführt und findet seither jedes Jahr statt.

Träger der Veranstaltung ist die Nobel Stiftung, die durch deren Generalsekretär bei der Begrüßungsansprache und durch die Leiterin von Nobel Media beim Veranstaltungsschluss vertreten wurde. Auf japanischer Seite leistet JSPS die Organisation, so dass bei der Begrüßung der Präsident von JSPS vor etwa 1000 Gästen sprach. Diesmal waren fünf Nobelpreisträger unterschiedlichen Alters und verschiedener Disziplinen geladen. Auch der erst im letzten Jahr gekürte japanische Nobelpreisträger Honjo Tasuke gehörte dazu. Sie wurden flankiert von ausländischen und japanischen Wissenschaftlern und Praktikern. Das Thema lautete Altern. Es wurde Englisch gesprochen, aber es gab eine Simultanübersetzung ins Japanische.

Außerordentlich viele Fragen zum Altern wurden aufgeworfen, z.B. ob tatsächlich alle Lebewesen altern, da dies z.B. bei einer Art Amphibien nicht der Fall ist. Krankheiten und nachlassende Fähigkeiten nahmen einen breiten Raum in den Erörterungen ein. Bei den Krankheiten wurde viel über die Krebsbekämpfung gesprochen, und bei den nachlassenden Fähigkeiten viel über die technischen Hilfsmittel, mit denen der Verlust von Fähigkeiten aufgehalten oder teilweise kompensiert werden kann.

Zum Erstaunen vieler wurde u.a. vorgetragen, dass Bevölkerungswachstum, soweit überhaupt noch vorkommend, nicht mit Geburten sondern mit der Zunahme alter Menschen erklärt. Es wurde auch ein deutlicher Zusammenhang zwischen Ausbildung und Mortalität beschrieben. Schlecht ausgebildete Personen litten überdurchschnittlich an Alkohol- und Drogenkonsum und stellten einen großen Teil der Selbstmordkandidaten. Ob das gegenwärtige durchschnittliche Sterbealter von Frauen und Männer die erreichbare Obergrenze bilde oder noch verlängerbar sei, blieb offen. Deutlich gefordert wurde ein ganz anderes Arbeitsrecht, das keine Pensionsgrenze mehr kennt, und ein abweichendes Sozialversicherungssystem, das nicht nur für die Arbeitnehmer gelten darf. Auch solle die Gesundheitsfürsorge der Kontrolle des öffentlichen Rechts unterworfen werden, weil sonst eine Chancengleichheit nicht zu gewährleisten sei.

Für den Verfasser war überraschend, dass auf die Parole vom langen und glücklichen Leben schlichtweg geantwortet wurde, dass das Ganze mit „Glücklich sein“ gar nichts zu tun habe. Zu unterschiedlich seien auf der Erde die kulturbedingten Erwartungen an ein erfülltes Leben. Natürlich nahm auch die Frage nach dem Sinn der Lebensverlängerung einen breiten Raum vor allem vor dem Hintergrund der Kosten ein. Es bestand schließlich wohl Einigkeit, dass die Natur die Erneuerung der Gesellschaft nicht durch alte Personen sondern durch Neugeborene vorsehe, und die entscheidende Aufgabe der alten Generation in der Pflege und Erziehung der Nachkommenschaft bestehe.

 

30th Anniversary Postdoctoral Fellowships for Research in Japan

Von Prof. Dr. Heinrich Menkhaus, Vorsitzender und Landesbeauftragter Japan

JSPS hatte als Mitveranstalter des Nobel Prize Dialogue Tokyo 2019 etwa 100 gegenwärtige und ehemalige JSPS Stipendiaten aus ganz Japan zu diesem Event eingeladen. Der Grund war die Feier der 30. Wiederkehr der erstmaligen Vergabe von JSPS Stipendien an Ausländer unter diesem Titel im Jahre 1988.

Tatsächlich ist die Geschichte 10 Jahre länger, denn sie begann schon im Jahre 1979, als der Bundesrepublik Deutschland und Großbritannien die ersten Stipendien angeboten wurden. Im Jahre 1994 wurde das Programm dann auf Angehörige aller Staaten ausgeweitet, mit denen Japan diplomatische Beziehungen unterhält. Der eigens zur Dreißigjahrfeier angefertigten Broschüre, die auch Statistiken enthält, ist zu entnehmen, dass mittlerweile mehr als 11.000 Forscher gefördert wurden.

Die geladenen JSPSler wurden zu einem Mittagsempfang zusammengeführt. Diesen eröffnete der JSPS Executive Direktor Iye. Besonders vorgestellt wurden einige Anwesende, die als ehemalige JSPS Stipendiaten in Japan studiert hatten und dort jetzt Professuren innehaben. Leider waren aus dem deutschsprachigen Bereich, soweit ersichtlich, inklusive des Verfassers nur drei Personen dabei. Trotzdem war die Unterhaltung nicht nur während des Mittagessens sehr lebhaft sondern auch in den Pausen des Nobel Prize Dialogue und dem abschließenden Abendempfang, der mit der Anwesenheit ihrer Excellenz, der Prinzessin Taka¬mado, geehrt war. Die JSPSler konnten sich übrigens untereinander an den Halsbändern leicht identifizieren.

 

Bericht über mein BRIDGE Fellowship an der Chiba University

von Clubmitglied Prof. Dr. Wolfgang Brütting, Institut für Physik, Universität Augsburg

Nach zwei früheren JSPS Invitation Fellowships in den Jahren 2008 (bei Prof. Kazuhiko Seki an der Nagoya University) und 2011 (bei Prof. Hisao Ishii an der Chiba University) ermöglichte es mir das BRIDGE Programm nach längerer Pause nun im September und Oktober 2018 für einige Wochen nach Japan zu kommen und die Kooperation mit Prof. Ishii am Center for Frontier Science der Chiba University aufzufrischen. Wir kennen uns seit mehr als 20 Jahren, als wir uns als junge Postdocs erstmals im Rahmen einer Kooperation zwischen der Universität Bayreuth und der Nagoya University begegnet waren. Seither gab es diverse Kontakte – unter anderem meine beiden oben genannten JSPS Fellowships.

Nach meiner Ankunft und einer ersten Lagebesprechung in Chiba ging es aber zunächst einmal für einen Konferenzbesuch an die Meiji University auf den Surugadai Campus im Herzen Tokyos. Unter dem Akronym EL2018 wurde dort der „19th International Workshop on Inorganic and Organic Electroluminescence” sowie die „2018 International Conference on Science & Technology of Emissive Display and Lighting” abgehalten, zu denen ich eingeladen worden war. Die im zweijährigen Turnus stattfindenden Konferenzen sind besonders inspirierend, da sie die oftmals komplementären Lager der anorganischen Leuchtstoffe mit den organischen Leuchtdioden zusammenbringen. Diesmal standen die Bleihalogenid-Perovskite als neuartige Lichtemitter im Vordergrund. Neben vielen alten Bekannten konnte ich bei dieser Gelegenheit auch erstmals Prof. Hiroshi Kobayashi von der Tottori University, den Mitbegründer und das lebende Gedächtnis dieser Konferenzreihe, kennenlernen und eine wunderbare abendliche Bootstour (inklusive Bankett) durch die Tokyo Bay genießen.

Fairwell-Party mit der Gruppe von Prof. Ishii (rechts vorne) an der Chiba University

Zurück an der Chiba University ging es dann an die gemeinsame Forschungsarbeit, bei der die Untersuchung der elektronischen Struktur von organischen Halbleitergrenzflächen im Mittelpunkt stand. Zu diesem Thema hatten wir bereits in der Vergangenheit des Öfteren gemeinsame Arbeiten durchgeführt, insbesondere durch Austausch von Doktoranden und Nachwuchswissenschaftlern, beispielsweise im Rahmen des JSPS Summer Program. Im Fokus meines Aufenthalts standen daher methodische Weiterentwicklungen der Photoelektronenspektroskopie. So hatte die Gruppe von Prof. Ishii in Chiba in jüngster Zeit eine Erweiterung ihrer Spektrometer zu kleinen Photonenenergien durchgeführt, wodurch man wesentlich empfindlicher die energetische Verteilung besetzter Zustände innerhalb der Energielücke eines Materials messen kann. Speziell war die Rolle dieser sogenannten Subgap States in organischen Solarzellen, die wir in Augsburg herstellen und untersuchen, von Interesse. Wir studierten den Einfluss der Filmmorphologie (polykristallin vs. amorph) von ausgewählten organischen Halbleitermaterialien und versuchten die gemessenen Zustandsdichten mit optischen Spektren und elektrischen Kenndaten zu korrelieren. Ein weiteres gemeinsames Forschungsgebiet betraf polare organische Halbleitermoleküle, die sich bei der Gasphasenabscheidung auf einem geeigneten Substrat spontan orientieren. Die resultierende Orientierungspolarisation führt zu einer veränderten elektrischen Feldverteilung innerhalb von organischen Halbleiterbauelementen, deren quantitatives Verständnis für eine mikroskopische Beschreibung ihrer Funktionsweise essentiell ist. Hier kamen Messungen mittels Kelvinsonde und Impedanzspektroskopie zum Einsatz.

12th Annual Meeting of Scientific Research by High School Students an der Chiba University

Im Rahmen meines Aufenthalts an der Chiba University konnte ich mit allen Mitgliedern der Arbeitsgruppe von Prof. Ishii intensive Gespräche führen und Einblick in die laufenden Forschungsarbeiten erhalten. Dies reichte von der für beide Seiten durchaus anstrengenden Vorstellung von Abschlussarbeiten durch Studenten auf Bachelor- und Masterniveau bis hin zur Besprechung gemeinsamer Publikationen und der Planung weiterführender Experimente.

Eine besondere Erfahrung während meines Aufenthalts war auch die Teilnahme am „12th Annual Meeting of Scientific Research by High School Students“ am 29. September 2018, das die Gruppe von Prof. Ishii organisiert hatte. Dieser mit dem deutschen „Jugend forscht“ vergleichbare Wettbewerb ist der Teil der Mission des Center of Frontier Science an der Chiba University, das bei Schülern frühzeitig ein Interesse an MINT-Fächern wecken soll und einigen wenigen sogar ein Frühstudium an der Universität ermöglicht. Bei diesem Wettbewerb wurden die Ergebnisse der Forschungsprojekte von insgesamt mehr als 1000 Schülern auf ca. 350 Postern einer Jury aus Universitätsprofessoren, Lehrern und Personen aus der Wirtschaft vorgestellt und von diesen bewertet. Zum Glück waren auch einige der Poster (ca. 10 %) auf Englisch verfasst, sodass ich die Gelegenheit zu einer Besichtigung und Diskussion mit den Schülerinnen und Schülern, die sich in der Regel im vorletzten Jahr der High School befanden, nutzen konnte. Meine Hauptaufgabe bestand jedoch darin, einen von drei Plenarvorträgen im Rahmen der Preisverleihung zu halten und mein eigenes Forschungsgebiet vorzustellen. Ich hoffe, es ist mir gelungen, dies unter dem Titel „Organic semiconductors: From scientific curiosity to articles of daily use“ zu veranschaulichen.

zu Besuch bei Prof. Noguchi an der Meiji University

zu Besuch bei Prof. Kaji an der Kyoto University

Neben dem Aufenthalt an der Chiba University nutzte ich das BRIDGE Fellowship auch zu einem Kurzbesuch bei Prof. Yutaka Noguchi am Department of Electronics and Bioinformatics der Meiji University auf dem Ikuta Campus in Kawasaki, der vor einigen Jahren selbst als Assistant Professor für mehrere Monate Gast in meiner Gruppe in Augsburg war. Ich konnte nun seine vor kurzem neu aufgebauten Labore besuchen und mich über seine Forschungsprojekte informieren. Des Weiteren konnten wir letzte Hand an einen gemeinsamen Übersichtsartikel anlegen, welcher mittlerweile zur Veröffentlichung eingereicht wurde.

gemeinsames Mittagessen mit Prof. Adachi (links hinten) und zwei seiner Mitarbeiter an der Kyushu University

Ein etwas weiterer Abstecher führte mich schließlich noch in den Süden Japans. Zunächst besuchte ich Prof. Hironori Kaji am Institute for Chemical Research der Kyoto University auf dem Campus in Uji, wo ich neue Kontakte knüpfen und Ideen für den Aufbau einer Kooperation entwickeln konnte. Im Anschluss daran stattete ich noch Prof. Chihaya Adachi am Center for Organic Photonics and Electronics Research der Kyushu University in Fukuoka einen Besuch ab. Prof. Adachi, mit dem mich eine langjährige Freundschaft und ein gemeinsam editiertes Buch verbindet, stellte mir die neuesten Forschungsergebnisse seiner Arbeitsgruppe auf dem Gebiet der thermisch aktivierten verzögerten Fluoreszenz und deren Anwendung in organischen Leuchtdioden vor.

Insgesamt war der fünfwöchige Aufenthalt im Rahmen des BRIDGE Fellowship für mich (wieder einmal) eine großartige und sehr intensive Erfahrung sowohl in wissenschaftlicher als auch in zwischenmenschlicher, kultureller und kulinarischer Hinsicht, die außer durch einen kleinen Taifun diesmal nicht durch Naturgewalten beeinträchtigt wurde. Ich freue mich schon auf den Gegenbesuch von Prof. Ishii, der für den Herbst 2019 geplant ist.

 

RÜCKBLICK AUF EIN LEBEN ALS WISSENSCHAFTLER

Elementarteilchen, Spinpolarisation und Kulturelles – Motoren einer 50jährigen deutsch-japanischen Zusammenarbeit (Teil 1)

von Clubmitglied Prof. Dr. Werner Meyer

Prof. Meyer und Prof. Horikawa

Lassen sie mich meinen als mehrteilige Fortsetzungsreihe erscheinenden Bericht mit ein paar einleitenden Bemerkungen beginnen. Ohne die vielfältigen Begegnungen mit den japanischen Kollegen, meine häufigen Aufenthalte in Japan und die dort gemachten Erfahrungen wäre mein wissenschaftlicher Werdegang sicher anders verlaufen. Das gilt wahrscheinlich auch für einige japanische Kollegen.

Die frühen Keimzellen deutsch-japanischer Kontakte auf dem Gebiet der Elementarteilchenphysik wurden in den Physikinstituten der Universitäten Bonn und Nagoya gelegt. Die Zusammenarbeit, die ich seit 1972 begleite, basiert im Wesentlichen auf drei Pfeilern:

  • Gemeinsames leidenschaftliches Interesse an der Grundlagenforschung in der Elementarteilchenphysik mit dem Schwerpunkt auf sog. polarisierten Festkörpertargets
  • Gegenseitiges Vertrauen und Freundschaft
  • Finanzielle Unterstützung durch die Alexander von Humboldt Stiftung (AvH), die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), die Japan Society for the Promotion of Science (JSPS) sowie das japanische Kultus- und Wissenschaftsministerium (Monbukagakukasho)

Soweit ich im Folgenden auf Fachspezifika meiner wissenschaftlichen Arbeit eingehe, finden sich die nach meiner Auffassung populärwissenschaftlich notwendigen Erklärungen in kursivem Druck.

Der wissenschaftliche Beginn der Erforschung der Elementarteilchen mittels Spinpolarisation war die Entdeckung der dynamischen Kernpolarisation (DNP) Anfang der 60er Jahre durch Prof. A. Abragam in Saclay (Frankreich) und Prof. C.D. Jeffries in Berkeley (USA). Diese Entdeckung entfachte weltweit rege Aktivitäten in den großen Physikzentren. Es wurden polarisierte Festkörpertargets entwickelt und gebaut, die die vertiefende Erforschung von Elementarteilchen ermöglichten.

Diese Forschung – damals u.a. in Bonn, Nagoya/Tokyo, Hamburg (DESY), Genf (CERN) und vielen Labors in den USA sowie der damaligen Sowjetunion – reiht sich in die sog. Teilchenphysik ein. Die Teilchenphysik beschäftigt sich mit dem Studium der Elementarteichen, aus denen sich die gesamte der Menschheit bekannte Materie zusammensetzt. Man sagt auch Hochenergiephysik, denn die kleinsten Teilchen werden mit Hilfe hoher Energien – gemessen in der „handlichen“ Einheit Elektronenvolt (eV) – erforscht. Diese hohen Energien werden von Maschinen, sog. Teilchenbeschleunigern, erzeugt. Hohe Energien sind der Garant für eine bessere Auflösung und damit tiefere Einsichten in die Materie. Die Menschheit ist schon immer der Frage nachgegangen, woraus unsere Welt eigentlich besteht und was sie (im Inneren) zusammenhält. Die mit den Jahren technisch und finanziell möglich gewordene Entwicklung immer leistungsfähigerer Aufbauten zur Durchführung wissenschaftlicher Experimente hat gezeigt, dass die Materie in immer kleinere Bestandteile zerlegt werden kann. Moleküle setzen sich aus Atomen zusammen, die selbst wiederum aus Elektronen und Atomkernen aufgebaut sind. Der Atomkern besteht aus Teilchen – den Protonen und Neutronen (Nukleonen). Experimente haben bewiesen, dass auch diese Teilchen, die man einst für unteilbar und elementar gehalten hatte, noch aus kleineren Objekten, den sog. Quarks, zusammengesetzt sind. Noch heute werden erhebliche Anstrengungen unternommen, die Struktur der Materie weiter zu ergründen. Dabei bedient sich die Wissenschaft sehr großer Teilchenbeschleuniger und den bislang hochentwickeltesten Technologien der Welt, um das vielfältige Verhalten der Teilchen zu untersuchen. Eine Eigenschaft der Elementarteilchen – genannt Spin (s. unten) – macht sich die Forschung zu einer zusätzlich vertiefenden Untersuchung der Materie zu Nutze. Der Spin der Elementarteilchen ermöglicht in sog. polarisierten Festkörpertargets, eine einzigartige Zielfläche für hochenergetisch beschleunigte Strahlteilchen. Durch Messungen beim Auftreffen der Strahlteilchen auf das polarisierte Target besteht die Möglichkeit, die neu entstandenen elementaren Teilchen näher zu untersuchen und Rückschlüsse auf physikalische Gesetzmäßigkeiten zu ziehen.

Zu den Forschungsanfängen in Nagoya (1965–1972) sollten die Namen Prof. K. Nichimura, Prof. S. Hayakawa, Prof. A. Masaike, Prof. T. Hasegawa und Prof. N. Horikawa genannt werden. Sie waren als Initiatoren für den Bau des ersten polarisierten Targets in Nagoya verantwortlich. Das Target wurde 1969 zunächst am Zyklotron und dann am 1.4 GeV-Elektronenbeschleuniger des Instituts für Nuklear Studium (INS) in Tokyo eingesetzt. Hier standen die Untersuchung und ein besseres Verständnis des damals noch als elementar geltenden Protons durch die sog. Resonanzspektroskopie im Vordergrund. Der Ehrgeiz, erstmals in Japan ein polarisiertes Festkörpertarget für ein teilchenphysikalisches Experiment bereit zu stellen, führte zu einem anfänglich aufwendigen betriebstechnischen Novum: Das für das polarisierte Target notwendige flüssige Helium (–269 °C) wurde zunächst in Nagoya produziert und sodann wurden täglich mehrere 100 Liter hiervon in speziellen Tieftemperaturbehältern (sog. Dewars) mit Lastkraftwagen zum 400 km entfernten Experiment nach Tokyo gebracht.

Prof. Meyer und der Feinmechaniker Herr Peschel

Was passierte zu dieser Zeit in Bonn? Mein späterer Doktorvater und Mentor Prof. K.H. Althoff verbrachte 1968 ein Sabbatjahr am Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire (CERN). Dort lernte er das dortige polarisierte Festkörpertarget kennen. Er war davon so begeistert, dass er in Bonn anrief und sinngemäß sagte: „Herr Paul (Nobelpreisträger 1989), wir brauchen in Bonn unbedingt solche Targets. Schicken Sie bitte zwei fähige Doktoranden zum CERN“. Gesagt, getan! Mit Unterstützung der Kollegen am CERN und dem überaus fähigen Feinmechaniker Herrn H. Peschel aus Bonn, der einige Monate am CERN die filigranen Techniken zum Bau von Kryostaten (Tieftemperaturapparate) erlernte, konnte bereits 1970 am Bonner 2.5 GeV-Elektronenbeschleuniger ein polarisiertes Protonentarget in Betrieb genommen werden.

Zur Erklärung des Spin der Elementarteilchen und den polarisierten Festkörpertargets:

Spin (engl. für Drehung) ist eine fundamentale Größe, ohne die der Aufbau der Materie nicht zu verstehen ist. Der Spin kann nur mit Hilfe der Quantentheorie verstanden werden, wird aber zur einfacheren Darstellung mit dem sog. Eigendrehimpuls (Eigendrehung) eines Teilchens identifiziert. Alle fundamentalen Elementarteilchen wie Elektronen und Quarks besitzen einen halbzahligen Spin ½ħ. Da der Eigendrehimpuls eine gerichtete Größe ist (mathematisch ein Vektor), gibt es zwei Möglichkeiten für den Eigendrehimpuls bei einem Spin ½h (kurz Spin ½) Teilchens, nämlich +½ und –½. Man differenziert hier zwischen zwei möglichen Spinzuständen. Der Spin kann entweder in eine bestimmte Richtung („Spin up“) oder in die dazu entgegengesetzte Richtung („Spin down“) zeigen. Die Richtung kann mit einem extern angelegten Magnetfeld vorgegeben werden, d.h. ein im Magnetfeld befindliches makroskopisches Ensemble von Teilchen mit Spin (im Folgenden: Targetmaterial) kann ausgerichtet, d.h. polarisiert werden. Größte Effizienz der Experimente erreicht man mit möglichst hohem Polarisationsgrad der Targetmaterialien, die zudem eine genügend große Dichte der Protonen bzw. Deuteronen (Neutronen) besitzen. Diese Rahmenbedingungen lassen sich wie folgt erreichen:

  1. Hohe Magnetfelder von mindestens 2,5 Tesla (ca. 50.000-fach stärker als das Erdmagnetfeld)
  2. Extrem tiefe Temperaturen am absoluten Temperaturnullpunkt (Null Kelvin (0K) = –273,150 Celsius)
  3. Mikrowelleneinstrahlung für den Prozess der dynamischen Kernpolarisation (DNP)
  4. Apparatur zur Messung des Polarisationsgrades mittels kernmagnetischer Resonanz
  5. Dotieren der Targetmaterialien mit sogenannten Radikalen (paramagnetischen Elektronen), die als „Katalysatoren“ für die DNP-Methode notwendig sind

Knappes Fazit: Die Forscher standen vor der Herausforderung, polarisierte Targets bei noch tieferen Temperaturen und/oder höheren Magnetfeldern zu entwickeln. Solche und ähnliche Herausforderungen sind heute auch fachübergreifend noch sehr aktuell (s. unten). Es handelt sich wegen der technischen Vielfalt um sehr ambitionierte und damit häufig auch für die Forscher aufregende Unterfangen. Als experimentell direkt messbares Ergebnis für Polarisationsexperimente (Strahlteilchen kollidieren mit polarisierten Targetteilchen) erhält man unterschiedliche Zählraten der nachzuweisenden elementaren „Trümmerteilchen“ bei einem „Spin-up“ gegenüber einem „Spin-down“ polarisierten Target. Nachfolgende Datenanalysen bestätigen oder verwerfen dann theoretische Vorhersagen oder Modelle.

Während meiner Diplomarbeitszeit hatte ich 1972 den ersten Kontakt zu einem japanischen Wissenschaftler, Prof. A. Masaike (von 2004 bis 2008 Direktor des JSPS Büros in Washington, links im Bild). Damals verbrachte er als AvH-Stipendiat drei Monate am Bonner Physikalischen Institut. Durch seinen vorherigen mehrjährigen Forschungsaufenthalt in Saclay war er ein „alter Hase“ im polarisierten „Targetgeschäft“ und für mich ein sehr guter Mentor.

Aber was bedeutete JAPAN für mich? In der Jugendzeit war mir der Begriff nur aus dem Erdkundeunterricht als ferner asiatischer Inselstaat und als Teil meiner Briefmarkensammlung bekannt. Auf den mit sehr fremdartigen Zeichen versehenen Briefmarken half mir der zusätzliche Aufdruck Nippon, die japanischen von den chinesischen Briefmarken zu unterscheiden. In meinem Physikstudium lernte ich das nach Prof. H. Yukawa (1949 erster japanischer Physik-Nobelpreisträger) benannte Yukawa-Kernpotential kennen. Im Jahr 1973 war Prof. R. Kajikawa aus Nagoya als Gastredner zur Photon-Lepton Konferenz in Bonn eingeladen, bei der er auch neueste Polarisationsdaten vorstellte. Gemeinsam mit Prof. K.H. Althoff initiierten sie in einer frühen Phase der Zusammenarbeit einen stärkeren gegenseitigen Austausch beider Länder, der 1971 durch die Besuche von Dr. H. Herr (3 Monate) und Dr. P. Feller (2 Jahre) aus Bonn in Nagoya begonnen hatte. Der zunächst zwischen Experimentalphysikern stattfindende Austausch wurde durch Einbezug von Theoretikern (1975 zweijährige Aufenthalte von Dr. P. Noelle in Nagoya bzw. Dr. T. Yamaki in Bonn) erweitert. Dabei war mir die theoretische Unterstützung von Dr. T. Yamaki bei meiner Vorbereitungsphase zur Promotion sehr willkommen.

Prof. Horikawa und Familie während seines Deutschlandaufenthalts Ende der 1970er Jahre

1978 wurde dann zum Schlüsseljahr für meine künftigen und bis heute währenden intensiven Beziehungen nach bzw. zu Japan. Als Rheinländer werte ich es noch heute als ein gutes Omen, dass ich den AvH-Stipendiat Prof. N. Horikawa das erste Mal ausgerechnet bei der jährlichen großen Karnevalsfeier im Physikalischen Institut in Bonn traf. Er kam vom Goethe-Institut aus Schwäbisch Hall, wo er bei einem dreimonatigen Vorbereitungsaufenthalt u.a. seine während des Studiums erworbenen Deutschkenntnisse aufgefrischt hatte. Eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit begann sowohl im Labor als auch bei den mehrwöchigen Experimenten am Bonner Elektronenbeschleuniger. Wir entwickelten ein sog. polarisiertes Deuteronentarget (Deuteron = Proton + Neutron) weiter und betrieben es in den üblichen mehrwöchigen Tag- und Nachtschichten in Bonn. Ende 1978 unternahmen wir eine gemeinsame Reise zum CERN, welches damals das „Mekka“ für die Physik und die Technik polarisierter Targets war. Dort hatte Dr. M. Borghini mit einem neuen Modell zum Verständnis der dynamischen Kernpolarisation für Aufsehen gesorgt.

Mit neuen Ideen kamen wir zurück nach Bonn und es wurde als Weiterentwicklung eines bei 0.50K arbeitenden He3-Kryostaten ein sog. Mischkryostat gebaut, der mit einem Gemisch aus He4- und He3-Flüssigkeit betrieben wurde. Dadurch konnten noch tiefere Temperaturen erreicht werden. Dies ermöglichte wiederum eine höhere Polarisation der Targetmaterialien. Die technischen Besprechungen führten wir am Objekt in der Werkstatt von Herrn Peschel durch. Herr Peschel war nicht nur ein Feinmechaniker-Ästhet, sondern auch ein begeisterter Hobbyfotograph. So verwundert es nicht, dass unsere technischen Besprechungen über die Entwicklung des Mischkryostaten regelmäßig in eine Diskussion über die deutsche (Leica) bzw. japanische (Minolta) Kameratechnik mündeten. Die zwei Betriebsmodi des Kryostaten – als reiner He4 Kryostat oder als He3/He4 Mischkryostat – waren damals weltweit einzigartig und wurden etwas neidvoll von Kollegen am DESY als eine „quick and dirty“ Version bezeichnet, da eine Verunreinigung bzw. ein Verlust des sehr teuren He3-Gases befürchtet wurde. Diese Betriebsart entpuppte sich allerdings für unsere Experimente sowohl am Beschleuniger als auch im Labor als sehr effizient. Unser Kryostat galt dann später als Prototyp für die Kryostaten des polarisierten Targets in Nagoya.

Wir konnten ebenfalls Erfahrungen mit höheren Magnetfeldern sammeln. Ein während meiner Doktorarbeit zusammen mit Dr. H. Herr gebauter, supraleitender Magnet wartete in Bonn auf seine Inbetriebnahme. Das Designmagnetfeld von 3,5 T wurde nach mehrmaligem „Quensch“ (Übergang von der supraleitenden zur normalleitenden Phase der Magnetspule, wobei große gespeicherte Energie freigesetzt wird) erreicht. Die während eines Quenschvorgangs wie ein Maschinengewehr knatternden elektrischen Sicherheitsventile und ein durch die verdampfende kalte Heliumflüssigkeit komplett vernebeltes Labor sind uns zum Glück nicht zu einem Alptraum geworden. Horikawa-san mögen diese Erfahrungen mit dem supraleitenden Magneten noch bei einer späteren wichtigen Entscheidung für die Weiterentwicklung des COMPASS-Experiments am CERN (s. unten) in Erinnerung gekommen sein.

Im gemeinsamen Büro fanden Horikawa-san und ich die notwendige Zeit, über die unterschiedlichen Kulturen, Länder und Menschen und deren Bräuche zu diskutieren. Namen wie Toyota, Mitsubishi, Honda, Kawasaki, Minolta, Canon, Sony, Toshiba standen für Fortschritt, Effektivität und Dynamik einer Wirtschaftsgroßmacht, für die auch Robotik kein Fremdwort war. Mein Interesse weckten aber vielmehr Begriffe wie Shintoismus, Schrein, Kanji, Katakana, Hiragana, Sumo, Teezeremonie, Kimono oder Onsen. Den sehr hübschen Kimono von Frau Horikawa konnten wir sehr bald beim ersten Besuch der Familie Horikawa bei „Meyers“ zu Hause bewundern. Horikawa-san war am Wochenende häufig mit seiner Frau und den zwei Kindern, die in Bonn-Bad Godesberg den Kindergarten besuchten, in einem älteren Mercedes-Benz Modell unterwegs. Bei den Familienausflügen konnte er seiner Leidenschaft für das Fotografieren frei entfalten. Seine vielfältigen Erlebnisse wurden meistens in deutscher Sprache diskutiert, u.a. sehr bald auch eine Strafe der Polizei, als er – anstatt die Zahnradbahn hoch zum Drachenfels (Burgruine auf dem „höchsten Berg Hollands“ am Rhein) zu benutzen – mit seinem Wagen die Privatstraße zum Gipfel bevorzugte. Die Geschichte Japans von der Mythologie (Sonnengöttin Amaterazu) über die Yamato-Zeit (Buddhismus aus Korea), Nara-Zeit, Heian-Zeit (Zen-Buddhismus), Kamakura-Zeit, Edo-Zeit einhergehend mit der Abschottung Japans und der anschließenden Öffnung Japans zu Beginn der Meiji-Zeit bis zur Demokratisierung in der Showa-Zeit stellte sich mir sehr schnell als spannende Lektüre dar. Japans „Himmel & Erde-Spezial“ mit Taifunen, Regenzeit, Rekordschneefällen, schwüler Hitze, Erdbeben, Flutwellen und Vulkanen steigerte meine Neugierde auf das Land der aufgehenden Sonne. Ein Japan-Virus war in mir entfacht.

Noch heute existieren die früher jährlich ausgespielten Preise für das Tischtennisturnier des Instituts

Die entspannenden Tischtennis-Duelle nach Feierabend mit einem Horikawa-Spezialaufschlag haben mich anfänglich zur Verzweiflung gebracht und zeigen Parallelen zur Spinphysik auf. Die starke Eigenrotation des Balles nach rechts oder links war nämlich nicht zu übersehen – ein natürlich sehr „hinkendes“ Beispiel für das nur quantenmechanisch beschreibbare Phänomen „Spin-up“ oder „Spin-down“.

Die Entwicklung einer polarisierten Elektronenquelle unter der Leitung von Dr. W. Drachenfels in Bonn hatte ebenfalls Horikawa-sans Neugierde geweckt. Nach seiner Rückkehr nach Nagoya startete er 1980 zusammen mit Dr. T. Nakanishi ebenfalls mit diesem Projekt. Das Ziel war es, weitere Anwendungen für Experimente mit polarisierten Elektronenstrahlen bei hohen Energien zu finden.

In Bonn war für mich das Jahr 1979 in zweierlei Hinsicht von wegweisender Bedeutung. Im Oktober fand in Abingdon (England) der 2. Workshop zur polarisierten Targetphysik statt und für mich als Postdoc ergab sich erstmals die Gelegenheit bei einem internationalen Treffen teilzunehmen. Dies kommentierte mein Chef Herr Althoff damals allerdings mit den Worten: „Müssen Sie daran wirklich teilnehmen? „Und ob!“, konnte ich später nur sagen. Ich kam sogar mit einem lukrativen Stellenangebot vom SIN (Schweizer Institut für Nuklearforschung in Villigen, heute PSI, Paul-Scherrer-Institut) zurück. Die mir in Bonn von Anfang an gewährte große Freizügigkeit bei der wissenschaftlichen Arbeit, die mir sehr am Herzen liegende Lehrtätigkeit und der nahe Kontakt zu den Studierenden gaben schließlich den Ausschlag für die Ablehnung des Angebots. Originalton von Herrn Althoff: „Dann vergessen wir ihre Eskapaden in Richtung Schweiz!“. Zum anderen war für mich auf dem Workshop „Ammoniak (NH3)“ das Zauberwort. Dazu muss man wissen, dass NH3 eine höhere Protonendichte im Vergleich zu den bis dahin in teilchenphysikalischen Experimenten verwendeten Alkoholsubstanzen (wie z.B. Butanol) hat. Hier sah ich erhebliches Entwicklungspotential bei der sog. Radikalerzeugung als notwendige „Katalysatoren“ für die DNP. Dabei stellte sich der 20MeV-Linearbeschleuniger in Bonn auf Grund seiner hohen Strahlintensität als die ideale Bestrahlungsquelle dar. Durch die mehrjährige Entwicklungsarbeit in Bonn gelangte NH3 als hochgradig polarisierbares Targetmaterial schließlich zur „Serienreife“ und wurde für einen Großteil der „Spin-Community“ eine entscheidende experimentelle Essenz bei hochenergetischen Experimenten.

(Fortsetzung im nächsten NvC)

 

Repräsentation des Clubs auf externen Veranstaltungen

  • 14.01.2019: „Koordinierungskreis Wissenschaft und Forschung" an der Deutschen Botschaft Tokyo | Wolfgang Staguhn

  • 22.01.2019: Orientation für die neuen Stipendiaten bei JSPS in Tokyo | Prof. Dr. Heinrich Menkhaus

  • 13.03.2019: Feier zum 146. Geburtstag des institutionellen Mitglieds OAG in Tokyo | Prof. Dr. Heinrich Menkhaus

  • 17.03.2019: Nobel Prize Dialogue in Tokyo | Prof. Dr. Heinrich Menkhaus

  • 19.03.2019: Verabschiedung des scheidenden Direktors des Japanischen Kulturinstituts in Köln Masakazu Tachikawa | Sabine Ganter-Richter, Prof. Dr. Anke Scherer

  • 19.03.2019: Willkommensfeier für die letztjährige Gewinnerin des deutschen Japanisch-Wettbewerbs in Tokyo | Prof. Dr. Heinrich Menkhaus

 

Neue Clubmitglieder

  • Prof. Dr. Osborne Almeida
    Max-Planck Institute of Psychiatry
    National Center for Geriatrics and Gerontology 2015*

  • Dr. Frederic Berger
    Gregor Mendel Institut
    OIST Okinawa 2016*

  • Dr. Sarah Esser
    Universität Köln
    Waseda University 2018*

  • Jonas Fischer
  • University Tokyo
    University Tokyo 2018*

  • Dr. Barbara Geilhorn
    DIJ Tokyo
    Waseda University 2014*

  • Dr. Maria Grajdian
    Hiroshima University

  • Dr. Verena Materna
    Charité - Universitätsmedizin Berlin
    Science University of Tokyo 2001

  • Dr. Andreas Orthey
    Universität Stuttgart
    AIST 2016*

    Prof. Dr. Martin Prominski
    Universität Hannover
    Chiba University 2013*

  • Prof. Dr. Henrik Saalbach
    Universität Leipzig
    Keio University 2004*

  • Dr. Jan Schuemann
    Massachusetts General Hospital
    Institute for Particle and Nuclear Studies (IPNS) 2005*

  • Dr. Beatrix Schumann
    Universität Köln
    University of Tokyo 2016 *

  • Prof. Dr. Wolfgang Seifert
    Universität Heidelberg
    Tohoku University 1983*
    Hitotsubashi University 2003*

  • Dr. Rajnish Tiwari
    TU Hamburg-Harburg
    Tokyo Tech 2016*

  • Prof. Dr. Stefan Wagner
    European School of Management and Technology (ESMT)
    Hitotsubashi University 2014*

  • Prof. Dr. Jana Zaumseil
    Universität Heidelberg
    Osaka University 2012*

* von JSPS/STA geförderter Forschungsaufenthalt in Japan

 

Verstorbene Mitglieder

Der JSPS Club trauert um die langjährigen Mitglieder Prof. Dr. Klaus-Dieter Schotte und Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Viereck.

Prof. Dr. Klaus-Dieter Schotte (1938–2018)

Prof. Dr. Klaus-Dieter Schotte studierte Physik zuerst an der Universität Leipzig, dann an der Universität Heidelberg. An der Universität Köln promovierte er über das kleine Polaron und lernte dort auch seine spätere Frau Ursula kennen, eine Physikerin, mit der er im Laufe seines Lebens zahlreiche Arbeiten gemeinsam verfasste. Er habilitierte sich in Düsseldorf und nahm dann einen Ruf an die FU Berlin an. Er forschte und lehrte auch international, war stets an physikalischen und mathematischen Problemen interessiert und verfügte über ein sehr breites Wissen.

Seine Arbeitsgebiete waren Festkörperphysik und Statistische Physik. Er hat sich hier früh einen Namen gemacht, und zwar durch eine Reihe von Arbeiten, die sich mit Röntgenkanten und dem Kondo-Effekt befassten und in den Jahren 1969–71 erschienen. Besonders die erste dieser Veröffentlichungen, in der das elektronische Vielteilchenproblem auf ein bosonisches umgeschrieben wurde, stellte einen großen Schritt nach vorn dar. Sie lieferte nicht nur eine einfache Erklärung für die Kanten-Singularitäten, sondern öffnete auch das Tor für die Behandlung wechselwirkender Elektronen in einer Dimension. Eindimensionale Systeme spielten in seinen Arbeiten eine wichtige Rolle genauso wie verwandte zweidimensionale Modelle, Supraleitung, Magnetfeldeffekte oder spezielle Spinsysteme.

Er war umgänglich und knüpfte leicht Kontakte, konnte aber seine Meinung mitunter auch sehr leidenschaftlich vertreten. Seine Interessen gingen weit über die Physik hinaus und reichten von der Wissenschaftsgeschichte bis hin zu Sprachen aller Art – meist angeregt durch Aufenthalte in den betreffenden Ländern. Das betraf Skandinavien ebenso wie Japan, und dementsprechend stammt das obige Foto von einem deutsch-japanischen Treffen im Sommer des letzten Jahres.

Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Viereck (1937–2018)

Am 4. September 2018 ist der seit 2005 emeritierte, ehemalige Inhaber des Lehrstuhls für Englische Sprachwissenschaft und Mediävistik (heute: Lehrstuhl für Englische Sprachwissenschaft) verstorben. Prof. Dr. Dr. h.c. (mult.) Wolfgang Viereck nahm 1978 den Ruf als erster Professor auf diesen Lehrstuhl, damals noch an der Gesamthochschule Bamberg, an und war maßgeblich am Aufbau der Bamberger Anglistik beteiligt. 1979 wurde die Gesamthochschule wieder Universität und Wolfgang Viereck engagierte sich auch hier beim Aufbau, insbesondere der damals noch jungen Fakultät Sprach- und Literaturwissenschaften.

Wolfgang Vierecks Forschungsinteressen waren vielseitig und galten der Dialektologie, der Sozio- und Kontaktlinguistik, der Geschichte der englischen Sprache oder der Angewandten Sprachwissenschaft. Die Verleihung zweier Ehrendoktortitel, der Loránd Eötvös Universität Budapest und der Universität Uppsala, zeugen von der hohen Anerkennung, die seine wissenschaftliche Arbeit weltweit fand.

(Dies ist ein Nachdruck des kurzen Nachrufs auf Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Viereck von der Internetseite der Universität Bamberg. Eine ausführliche Beschreibung seiner wissenschaftlichen Karriere geschrieben von seiner Frau Dr. Karin Viereck, ursprünglich publiziert in der Festschrift zu seinem 60. Geburtstag, finden sie unter dieser Adresse.)

Wir werden den verstorbenen Mitgliedern als Forscher und als engagierte Mitwirkende am wissenschaftlichen Austausch mit Japan stets ein würdiges Andenken bewahren. Unser Mitgefühl gilt besonders ihren engsten Angehörigen.

 

 

Termine

  • 24. und 25.05.2018: Japanisch-deutsches Symposium „Art, Architecture and Technology“ in Wien, veranstaltet gemeinsam von JSPS und dem JSPS-Club

  • 25.05.2019: Jahresmitgliederversammlung des JSPS-Clubs im Rahmen des Symposiums in Wien

  • 30.05. bis 01.06.2019: VDJG-Jahrestagung 2019 in Bonn in Zusammenarbeit mit dem JSPS-Club

Wenn Sie Beiträge zu Veranstaltungen, Publikationen etc. im Newsletter veröffentlichen möchten, wenden Sie sich bitte an Prof. Dr. Anke Scherer. Wir freuen uns auf Ihre Beiträge!

 

Impressum

Herausgeber:
Deutsche Gesellschaft der JSPS-Stipendiaten e.V.
Redaktion: Prof. Dr. Anke Scherer
Mitarbeit: Dr. Meike Albers-Meindl
Verantwortlich:
Deutsche Gesellschaft der JSPS-Stipendiaten e.V.
c/o JSPS Bonn Office, Ahrstr. 58, 53175 Bonn
Tel.: 0228/375050, Fax: 0228/957777
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Die in den Beiträgen geäußerten Ansichten geben nicht
unbedingt die Meinung des Herausgebers wieder.

Neues vom Club 02/2019
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JSPS Alumni Club Award 2019
an Prof. Dr. Peter Hennicke

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Club-Mitglied Prof. Dr. Harald
Baum erhält den „Eugen und
Ilse Seibold-Preis“ 2019
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8. Club-Treffen in Japan
Tokyo | 7. Okt. 2019
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14. Mitglieder laden
Mitglieder ein

Lübeck | 1.–2. Nov. 2019
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11. Junior Forum
Lübeck | 2. Nov. 2019
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